
Früher Abend vor dem letzten Schultag. Matthias stand wieder voll unter Strom - wie der Computer und die Stereoanlage auch. Cheat-Lösungen für das Ballerspiel waren besorgt, das Display vom Handy leuchtete ständig und piepste mit schöner Regelmäßigkeit. Vieles war „angesagt” - aber noch nicht alles erledigt. Schließlich ein mehrfach gerufener Auftrag für ihn. Das Fahrrad musste noch in die Garage. „So ein Mist aber auch”, jammerte er sich selbst etwas vor.
Als er glücklich die Treppe im Sturm genommen hatte und aus der Haustür eilte, war es dunkel. Opa lief ihm auch noch über den Weg, was manchmal Zeit kosten konnte. Er hatte die Klappe am Stall bereits geschlossen und die Hühner vor dem Mardertod beschützt. Der Hahn kurvte noch einmal quer durchs Domizil und schlug eifrig mit den Flügeln. Dann war Ruhe.
Es war immer noch sehr mild. Beinahe frühlingshafte Temperaturen - und das fünf Tage vor Weihnachten. Opa warf auch heute scheinbar flüchtige Blicke über das Grundstück und eine angrenzende Wiese, ehe er den Gemüsegarten in seinen Rundblick einfließen ließ. Das obligatorische, ausdauernde Kratzen am Hinterkopf gehörte bei ihm einfach dazu.
Wie oft musste sich Matthias ein Lachen verkneifen, wenn er ihn so dastehen sah. Früher hatte er Opas Ritual für blanke Spinnerei gehalten. Erst in letzter Zeit war er sich da nicht mehr so sicher, denn er gab regelmäßig Wetterprognosen ab und traf sehr oft ins Schwarze. Auch seine extravaganten Anbaumethoden im Garten trugen Früchte und die Strafkataloge für flegelhaftes Benehmen „saßen” oft besser als Stubenarrest und PC-Verbot.
Ging es um Dinge wie das Wetter, das Säen und Pflanzen im Garten oder um seltsame Ereignisse um uns herum, dann hielt er es stets mit dem Mystischen, was Matthias manchmal sogar für „cool” hielt. So seine Bemerkung „Wir tun uns mit allem schwer, was wir nicht sehen oder sofort spüren können”. Zufälle akzeptierte er auch nicht. „Sonderbare Begegnungen zwischen Mensch, Tier und Natur sind nicht zufällig - und es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, über die wir ehrfurchtsvoll staunen, wenn wir ihnen begegnen. Vorausgesetzt, wir wollen das Mystische auch akzeptieren”, pflegte er zu sagen. Sehr geheimnisvoll das Ganze.
Seine Einschätzungen hinsichtlich des Wetters der nächsten Tage erschienen Matthias an diesem Abend wieder lachhaft, denn Opa druckste nicht lange herum und verkündete: „Weihnachten schneit es ganz gewaltig!” - Matthias war von den Socken und antwortete beim Weggehen: „Eher zeigen sich die ersten Krokusse!” Er sah noch wie Opa abwinkte, ehe er ins Haus hastete.
Nun war Opa auch ein Super-Geschichtenerzähler. Jeden Abend hatte er früher auf seiner Bettkante gesessen. Er las sie nicht etwa vor - nein, er erfand sie. Tag für Tag. Unglaublich spannende, lustige und nachdenkliche Ereignisse waren es, die ihn immer viel zu früh ins Traumland schickten. Als er ihm dann eines Abends ein Comic-Heft zum Vorlesen hingehalten hatte, stand Opa auf und meinte an der Tür: „Schlaf schön, mein Junge!” - Fortan gab es keine Geschichten mehr - und auch keine Erklärung. So einfach war das für ihn.
Für seine kleine Schwester, die neugierige Ziege, war Opa aber schon seit einiger Zeit wieder putzmunter am Werk. - Als Matthias später an diesem Abend an ihrer leicht geöffneten Zimmertür vorbeigehen wollte, hörte er ihn im Zimmer leise erzählen. Er blieb stehen, lauschte und wunderte sich. Sabine schnatterte wieder ohne Ende rum. Opa gab sich extrem cool und sagte gerade liebevoll: „Da hast du völlig Recht, Prinzessin - so geht das ja nicht!” Keine Spur von Ungeduld in seiner Stimme. - Sabine hakte sofort nach: „Opa, ist das Sterben schlimm?” - „Wie kommst du denn darauf”, wollte er wissen. Sie plapperte munter drauflos: „Heute - also ganz früh -ist die Katze von Tobias überfahren worden. Sie ist tot und nicht mehr da. Er hat nur noch geheult. - Ist sie jetzt im Himmel - oder wo?”
Opa räusperte sich und nach einer kurze Pause fuhr er fort: „Sie ist zwar nicht mehr da, also er sieht sie nicht mehr - und kann sie nicht mehr knuddeln. Aber trotzdem ist sie immer weiter um ihn rum - richtig unsichtbar. Aber sie ist da. Und je mehr er an sie denkt, taucht sie auch in seinen Träumen auf - oder er glaubt, dass er sie irgendwann später hier und da einmal kurz gesehen hat. Irgendwo - draußen. Nur für einen kurzen, schönen Augenblick. Vielleicht kannst du das heute nicht richtig verstehen, aber später bestimmt.”
Und er meinte dann noch: „Weißt du noch, als wir neulich am Hoftor standen und wegen des dichten Nebels gerade noch das Licht der Straßenlaterne sehen konnten - als das sonst so grelle Licht ganz matt war”, wollte Opa wissen. „Ja, das sah toll aus”, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen. - „Siehst du, Prinzessin”, flüsterte er, „wenn jemand stirbt, dann ist es beinahe so, als wenn jemand im Nebel langsam auf die Laterne zugeht. Und du siehst ihn dann gerade noch für einen Augenblick- und kurz danach nicht mehr. Aber wenn du stehen bleibst und ganz doll immer auf diesen Punkt guckst, kann es sein, dass du denkst: Steht er da nicht noch, war das nicht sein Gesicht in dem matten Licht?”
Matthias ging auf Zehenspitzen die Treppe runter. Verlegen kratzte er sich am Kopf. Er war gänzlich „von den Socken”, als es in diesem Jahr zu Heiligabend stark zu schneien begann. Kein Lüftchen regte sich. Dicke, superweiche Flocken purzelten aus dem Dunkel herab und innerhalb einer Stunde war es Weihnachten, wie es im Buche steht. - An viele Weihnachtsfeste erinnerte er sich gar nicht mehr, aber dieses war eben mit dem schönen Erlebnis verbunden - und blieb deshalb für immer unauslöschlich.
* * *
Im darauf folgenden Spätherbst war es sein Opa, den der dichte Nebel einhüllte und nicht mehr zurückgab. Allerdings war es ihm danach nie so, wie es Opa bei Sabine erzählt hatte. Er sah ihn in keinem seiner Träume, obwohl er den Tod das erste Mal aus der Nähe, in der Familie, gesehen und sehr sehr stark gespürt hatte. - Er ahnte nicht, dass er an einem Abend gleich zwei „Begegnungen” spüren und erfahren sollte.
Weihnachten kam. In den letzten Stunden vor der Bescherung war Matthias gar nicht mehr so froh darüber, dass er Oma spontan zugesagt hatte, mit ihr zum Weihnachts-Gottesdienst zu gehen. Sie stand schon ausgehfertig in der geöffneten Haustür, als er nach mehreren Rufen doch noch den Weg nach draußen fand. Es war etwas kälter geworden, aber es schneite nicht. „Schiete”, dachte er, als sie in der Kirche weit vorn Plätze gefunden hatten, „jetzt kannst du hier auch noch so lange rumhängen.” - Oma war nämlich immer sehr früh dran, wenn es irgendwo hingehen sollte.
Matthias dachte an all die Dinge, die er sich gewünscht hatte. Als Oma einmal kurz seine Hand berührte, weil sie ihn auf den Gott sei dank nicht so kitschig geschmückten Weihnachtsbaum vor dem Altar hinweisen wollte, da dachte er kurz an Opa - an seinen schnellen Tod. Und erst jetzt fiel ihm auf, dass die Baumbeleuchtung wie von einem Dimmerschalter „zurückgeschraubt” schien. Jedenfalls verbreitete ein schönes Halbdunkel sanfte Atmosphäre.
Er war abermals in Gedanken versunken. Angenehm leises Orgelspiel hatte eingesetzt und die letzten Kirchgänger fanden sich ein. Einige gingen an ihrer Bankreihe vorbei und wollten vor dem Platznehmen noch einen Blick auf das Krippenspiel werfen oder vor dem Altar kurz andächtig verweilen. Es störte ihn nicht. Er war sogar froh, dass neben dem Naseschnauben, Hüsteln und Fußscharren noch Ablenkung da war, damit sich der große Uhrzeiger endlich wieder normal vorwärts bewegt.
Warum er sich plötzlich umdrehte, war ihm schleierhaft. Auch später fand er dafür keine Erklärung. Das erste Mal in seinem Leben war er wie vom Donner gerührt. Er sah ein Mädchen, das ungefähr sein Alter haben musste. Schlank, zierlich - ein zartes Gesicht - etwas längere, dunkle und leicht lockige Haare. Sie schien leicht zu lächeln, die ganze Zeit. - Ihm blieb die Spucke weg, ein Kloß saß im Hals, an den Schläfen pochte es wie wild. Er konnte den Blick nicht von ihr lassen, aber es fiel ihm absolut kein cooles Wort ein, das man auf der Straße eigentlich für eine außergewöhnliche Begegnung immer parat hat. - Sie schien seine Blicke nicht zu bemerken.
Alles war wie weggeblasen. Er nahm nichts mehr von dem wahr, was um ihn herum war. Obwohl es etwas unruhiger geworden war. Erst als sie beinahe in Höhe seiner Reihe war sah er, dass ihr Gesicht feucht war - wie von verriebenen Tränen. Und im Kerzenschein bemerkte er, dass die Haare über der Stirn fast nass waren. Sie trug einen dunklen Mantel mit Kapuze. - Und plötzlich war er endgültig baff. Er sah Reste von dicken Schneeflocken, die auf ihren Schultern lagen. Es musste also zu schneien begonnen haben.
Jetzt kehrte sie vom Altar zurück und verlegen senkte er kurz den Blick. Als er wieder aufsah war ihm, als hätte sie ihn gesehen. Sie besaß immer noch diesen sanften Gesichtsausdruck mit dem kaum wahrnehmbaren Lächeln, aber er glaubte eine kurze Bewegung ihrer Augen bemerkt zu haben. Er kannte sie nicht - war ihr auch nie begegnet. Sie war so anders als alles, was ihm bis dahin an Mädchen „über den Weg gelaufen” war. Wirklich anders. - Wie anders? In seinem Kopf war ein ständiges Kreisen und Hämmern.
Irgendwie flog dieser Gottesdienst an ihm vorbei. Er fühlte sich wunderbar leicht. Einige Male hielt er nach ihr Ausschau - auch dann noch, als er mit Oma nach Hause ging. Er hatte sie untergehakt, damit sie im dichten Schneegestöber nicht zu Fall kommen konnte. Er sah sie nicht mehr, aber es war keine Traurigkeit da. Nur diese innere Unruhe - diese Augen, die er immer noch vor sich hatte. Das zauberhafte Gesicht mit der fein geschnittenen Nase und das dunkle Engelshaar. Er wusste, dass er sie ganz einfach würde suchen müssen. Er wusste es einfach. Fortan jeden Tag - das war schon klar. Er war sich sicher, dass es gar nicht anders gehen würde.
Nach der Bescherung und dem viel zu langen Essen zog es ihn in sein Zimmer und er war allein mit seinem Computer, der Musik und den Geschenken, die er unbedingt um sich haben musste. Mitten im Spiel stand er häufig auf, lief beinahe planlos im Zimmer umher. - Sie war immer noch da, wollte einfach nicht aus dem Kopf verschwinden. Nicht für einen kurzen Augenblick. Und irgendwann später war ihm, als ob eine leichte Hand auf seiner Schulter liegen würde. Aber das verwarf er dann doch schnell wieder.
Irgendwann schaute er wieder aus dem Fenster. Hier, im ersten Stock, hatte er einen fabelhaften Blick auf den riesigen Kirschbaum an der Hofeinfahrt, auf die schmale Seitenstraße und eine massige Hecke, die Nachbars Grundstück umsäumte. Es schneite wieder - diesmal „wie aus Kübeln”. Da die Außenlichter am Haus nicht mehr brannten, war das Flockenspiel rund um die alte, einzige Straßenlaterne drüben an der Ecke besonders schön.
Er lehnte sich gegen die Fensternische, nippte mehrmals kurz an seiner Cola und war wenig später gedanklich wie versunken. Jetzt sah er sie wieder vor sich - noch schöner, noch eindringlicher - ihr ganzes Gesicht. Zart und mit eigenartig weichen und fragenden Augen. Wahnsinnig schön.
Dann ging sein Blick wieder rüber zu der Laterne und in das dichte Flocken-Treiben. Später kam es ihm so vor, als wäre er sehr lange mit seinen Gedanken unterwegs gewesen. Das einzige was er spürte, war die intensiv aufsteigende Wärme des Heizkörpers. Plötzlich faszinierte ihn der weite Bereich neben dem grellen Licht sehr - das Halbdunkel zur Hauptstraße hin.
Er dachte an Opa und hörte ihn noch im Zimmer erzählen - mit seiner faszinierenden Stimme. Er hatte ganz selten laute Worte gefunden, wenn Zoff angesagt war. Er sagte wenig, aber viel. Das wusste er jetzt. Und er konnte so herzhaft lachen - sich „beömmeln”, wie er es selbst nannte. Dieses unbeschwerte Lachen hörte er - und im gleichen Moment sah er sein Gesicht da hinten im Halbdunkel. Nicht so klar wie das Ihre, aber sekundenlang. Er war immer noch da und würde bleiben. Daran glaubte er jetzt.
***
Matthias suchte sie verzweifelt - Tag für Tag - jeden Monat neu. Sie ließ sich einfach nicht finden. Auch am nächsten Weihnachtsfest nicht. Ob es daran lag, dass es nicht geschneit hatte? Aber diesmal sagte er zu sich: „Humbug - so etwas gibt es nun doch nicht!” - Seltsam war, dass er es schon wenig später nicht mehr ausschließen konnte. Wie hatte Opa immer gesagt?
Manchmal drehte er sich auf der Straße plötzlich um, weil er sich von ihrem Blick berührt fühlte. Aber sie war nicht da. Er benötigte in seiner Freizeit so viel Zeit für sie, dass es vielen aus seiner Clique auffiel. Was er selbst feststellte war, dass er sich trotz des verzweifelten Suchens nicht etwa schlecht fühlte. Im Gegenteil - er war nicht bedrückt oder unglücklich. Sie war eben immer da.
Der Umgang mit Freunden veränderte sich, wie er selbst feststellte. Er streifte viel von dem schrillen und schiefen Gehabe ab. Er war ansprechbar und selbst von den Socken, dass ihn auch die ärgste Nervensäge „aus der Achten” mit ihrer dummen Rumblödelei und den ach so geilen Sprüchen nicht mehr zur Verzweiflung treiben konnte. Ja, er fühlte sich gut. Dennoch fehlte sie ihm schmerzlich.
***
Jahre waren vergangen. Es war wieder Weihnachten. Nach der Bescherung ging er vor die überdachte Haustür - wollte etwas Luft schnappen und ein wenig von dem lauten und lustigen Drunter und Drüber hinter sich lassen. Es schneite, aber es war windstill und die Luft unwahrscheinlich rein. Diesmal genoss er die Zigarette sehr. Er schaute in Richtung Schuppen - und kurz zur Laterne rüber. Wie so oft - immer wieder, an bestimmten Tagen. Aber gerade an solchen Abenden.
Eine leichte Hand lag plötzlich auf seiner Schulter, aber er hätte gar nicht erschrecken können. Sofort sah er wieder ihr Gesicht vor sich. Ein lachendes - die Augen strahlten. Aber das andere trug er auch bei sich. - „Denkst du gerade an ihn”, fragte sie und ihre Hand fuhr ihm durch die Nackenhaare. „Ja, heute besonders”, antwortete er, drehte sich um und nahm sie in die Arme.
„Ich habe dich gefunden”, sagte er und seine Stimme klang wie außer Atem. „Ja, wir haben uns gefunden”, hauchte sie in seinen Nacken. Dann sah sie ihm in die Augen und flüsterte: „Das Besondere bei uns ist, dass es eine wirkliche Begegnung war - eine, von der dein Opa immer gesprochen hat.” - „Ja”, sagte er und strich über ihre Wange, „wir sollten uns treffen, hätten uns sowieso gefunden. Das wusste ich bald. Und wir hätten uns nicht verlieren können.”
„Wir werden uns nicht verlieren”, fügte sie hinzu, „dafür ist viel zu viel Magie um uns rum. So viel, dass wir glücklich staunen können.” - Sie beschlossen, später noch einen langen Spaziergang im Schnee zu machen und wollten raus - weit raus.
„Was meinst du”, fragte sie ihn irgendwann lächelnd, „was sollen wir den Leuten sagen, wenn wir zum Himmel aufsehen. Welche Botschaft haben wir für sie?” - „Eine tolle Idee”, erwiderte er, „wir werden ihnen viel zu sagen haben, aber wir verraten es keinem. Schließlich ist es unsere Geschichte!”
„Nein”, sagte sie, „das werden wir nicht. Aber es gibt diese einmaligen Begegnungen, die nicht zu trennen sind. WIR wissen es ja”
© Mondreiter
Geschrieben am 16. September 2007 von Mondreiter
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