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Unerklärliches hat viele Namen - Phänomene haben noch mehr….Umschreibungen

Über meine Tasse und die Nachbarn

KatzeIgel

„Ach, sieh an, der Herr Nachbar - wie geht`s denn so?” - Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass “Nachbarschaft” ein schwammiger Begriff ist. Manchmal ist man baff, was da auf einen zukommt. - “Na, Kumpel, nu ist aber genug angeschnuppert - mach` mal besser schnell `nen Abflug!”

Bevor ich ans Fenster trat und auf die Straße hinausblickte fiel mir das erste Mal auf, wie ich tatsächlich meine Kaffeetasse halte. „Das ist doch piepegal”, wird jemand einwerfen, für den eine Tasse oder ein Glas nur ein vermeintlich toter Gegenstand ist. - Nicht für mich. Ich mache mir schon Gedanken darüber, wie ich eine ständige Begleiterin im Arm halte oder umarmend halte - und wie ich gehalten werde. Womit wir von einem Behältnis zum Verhältnis kommen. Zum anderen bin ich sicher, dass es keine toten Gegenstände gibt. Das aber nur mal am Rande.

Nun kann ich das Geheimnis lüften. Mein Zeigefinger hakt sich geschmeidig im Henkel ein (nein, nein….unterhaken ist etwas anderes!), der Mittelfinger sieht es dem Nachbarn ab und legt sich mit dem gebeugten Rücken gegen die Wandung und der Daumen ist dabei auch nicht zur Untätigkeit verdammt. Dieser drückt unmerklich (also zart) gegen den oberen Rand meiner gut behüteten Begleiterin und hat dabei eigentlich gar keine richtige Aufgabe. Aber der Dickfinger ist nun mal da - und muss dann auch eben “da” hin!

Tasse 

So führe ich also Tassen und Gläser mit Henkel ständig zum Mund und wieder zurück. Ekelhaft designte und gestylte Behälter ausgenommen. Da bricht man sich entweder einen ab oder bricht schleunigst das Hochheben ab.

Da ich diese ständig so halte und - obwohl ich es gar nicht mehr wahrnehme - damit auch zufrieden bin, könnte ich auch getrost von einer (sich total unbewusst vollzogenen) Bewährung dieser Fingerhaltung sprechen. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob das Ganze nicht schon Handgriffe sind. Eigentlich ist es auch unwichtig. Obwohl…..! Na, lassen wir das.

Dabei gingen mir ganz andere Dinge durch den Kopf, als ich mich dem Fenster näherte. Ich sah nämlich einen meiner Nachbarn aus dem Haus kommen. Ist er auch diesem Sammelbegriff zuzurechnen, obwohl er in dem Haus wohnt, das von dem, in dem ich Mitbewohner bin, durch eine Straße, zwei Fußwege und ebenso viele Vorgärten getrennt ist?

Oder entscheide ich frei darüber, wer wirklich einer ist und wer sich gefälligst vom Acker…..? - Wie viele Nachbarn habe ich eigentlich? Also, wer gehört dazu? Wer ist Beinahe-Nachbar und wer der unmittelbare - wer der Muß-Nachbar? - N a c h b a r n ! -  In den meisten Fällen geht es dann um Straßen-Grabenkämpfe oder schwelende Unsympathie - um unartige, unpässliche, unheimlich neugierige Unmenschen oder ungezogene Erwachsene. Aufschlussreich sind lediglich Schwärmereien junger Dinger („Ach, mein Nachbar sagt immer…!”). Nachbarn sind eben auch Voyeure und Grabbel-Heinis.

Da bei uns alles ganz sorgfältig genormt wird, könnte es sicher auch Distanzen geben, die Nachbarn von anderen Anwohnern unserer Straße trennen!? Für wen bin ich selbst also Nachbar? Der Rücken des gekrümmten Henkel-Halters (das ist auch irgendwie falsch ausgedrückt) signalisierte mir dann, dass der Kaffee „temperaturmäßig” schon leicht erschlafft war. - So konnte ich mich von diesen keineswegs unwichtigen Gedanken losreißen und die Tasse leeren. Dabei übernimmt der Daumen plötzlich eine Abstützfunktion. Aber das sei nur nebenbei erwähnt.

Was führen wir im Alltag eigentlich wohlüberlegt aus? Ich wusste jedenfalls immer genau, wie und weshalb der Wasserhahn in der Küche tropft und wann der Schließmechanismus der Toilettenspülung nicht „suschte-piano” abdichtet. Die Schreie meiner inzwischen zu Überlebenskünstlern “gewachsenen” Topfpflanzen höre ich aber seltener. Dazu kommt noch, was ich wissentlich immer - oder liebend gern überhöre. Da kommt ganz schön was zusammen.

Man sollte tatsächlich einmal gezielt über Behältnisse und Verhältnisse nachdenken. Dazu fiele mir ganz spontan ein, dass……!

© Mondreiter

Es gibt so viele “Gemeinsame Wege”…..aber hier und da natürlich auch immer wieder “GemEinsame Jahre”

Baumliebe 

Jetzt bin ich mir absolut sicher, dass Ferdi, also der Göttergatte meiner damaligen resolut-rabiaten Concierge, gar nicht schwerhörig ist. Er verblüffte mich damals sehr, als ich ihn vor dem Garagentrakt sah. Er radelte direkt auf mich zu, war sichtlich guter Dinge und kam schwungvoll und sicher aus dem Sattel.

„Donnerlittchen”, dachte ich da, „dass er das in seinem Alter noch bringt!” Ich grüßte ihn keineswegs laut. Obwohl er noch gar nicht so nah herangekommen war, erwiderte er aber prompt und sehr kernig: „Moin!” - Für mich war das ein klarer Beweis dafür, dass es nicht nur wortkarge Ehen gibt. In seiner häuslichen GemEinsamschaft scheint man sich nämlich auch fortwährend zu tarnen und abzuschirmen. Dann haben diese „GemEinsamen Jahre” in der Regel aber sicherlich schon etliche Lenze auf dem Buckel.

Als ich mich dann der Strasse näherte, gab ich meine Wortspielchen auf. Jenseits des gepflasterten Fahrbereichs beginnt die Siedlung mit den vielen Häuschen für kleine Familien. Durch ausgetüftelte Anbauten bieten einige von ihnen inzwischen auch zwei Generationen einer Familie ein Dach über dem Kopf. Das muss nicht immer gut gehen, wird aber immer wieder gewagt.   

Es ist ein Siedler-Paradies, das in den Fünfziger Jahren entstand und wo das Wort „Miteinander” in der Folge nicht selten bieder und konservativ-familiär - „wie auch immer” - durchgeknetet wurde, wo häufig kritisch beäugt und zurückhaltend quittiert wird, was mit Begegnung und Aufeinander-Zugehen zu tun hat. Briefträger, Uniformierte und Versorgungspersonal mal ausgeklammert.

Einige Senioren wurden schon in jungen Jahren alt, diverse Kleingrund-Besitzer mutierten zu Einsiedlern und nicht wenige davon schlagen sich wortkarg oder leidlich zurückhaltend mit der Nachbarschaft herum. Ein Fleckchen, wo zwar nach einsilbigem Muster munter geklönt und geschnackt wird, wo aber ganz selten etwas vom „Eingeweckten” mit dem Plausch und deutschem Musikschlager-Gut über die Zäune und Hecken schwappt. Es gibt Ausnahmen, die sich natürlich gern ausklammern lassen.  

Abends kehrt in diesem Ortsteil mit vielen Kleinst- und Kurzstraßen recht zackig die Ruhe ein. Diese ruht bis zur frühen Morgenstund` in einem Halbdunkel, das durch Straßenlaternen und Mondeslicht ihre Aufheller bekommt. Gelegentlich aber auch dadurch, dass eine Zimmerbeleuchtung auch Vorgärten erhellt. Dann wird irgendwo zünftig gefeiert oder die Kinder statten einen Besuch ab. Alkohol schwächt bekanntermaßen Abschirm-Tendenzen.   

Ansonsten sieht man in der Siedlung sehr schnell , wo denn die vielen Baumarkt-Angebote von Rollläden, Rauhspund-Brettern, Klinker-Riemchen, Beton-Gehwegplatten und Garten-Nippes hingekommen sind. Die vielen Bewegungsmelder nicht zu vergessen. Sie legen Nacht für Nacht offen, welche Igel oder Erdlinge als Einzeltiere oder mit der halben Sippschaft unterwegs sind und wessen Katze oder Hund über welche offenen Einfahrten huscht - und wo deren „Geschäfte” abgesetzt werden.

Zu meinem Leidwesen gibt es immer noch keine Erhebungen darüber, ob und wie sich Abend- und Nachtluft eines „Bunkers” ohne Vermischung mit Frischluft ertragen lässt. Hieb- und stichfest ist ja bis zum heutigen Tage nur, dass Berufstätige von Rückenleiden und Depressionen gebeutelt werden. Eine bloße Vermutung ist nur, dass jemand, der sich selbst „wegschließt”, zunehmend mit Orientierungseinbußen auf heimischer Scholle zu rechnen hat oder sogar im eigenen Domizil irgendwann der Hilflosigkeit begegnet.           

Es versteht sich, dass diese Abend- und Nachtereignisse aber lediglich denen auffallen, die außer Haus sind. Rollläden als Gardinen-Nachbildung sind noch nicht in den Regalen. Wer also im Haus nicht erblickt werden kann, ist auch von Sichtkontakten weit entfernt - wie eine U-Boot-Besatzung beispielsweise vom nächsten Nachschub-Fassen. Ich war mir schon einmal ziemlich sicher, dass die Zeit kommen wird, wo „Spione” auch das Mauerwerk zur Strasse hin erobern werden.

Bei der Siedlungs-Begehung will ich mich immer konzentrieren, denn sie gleicht schließlich einem randvollen Pool, gefüllt mit bunter Abwechslung - und ist doch so voll gestopft mit Nebeneinander-Herleben und Einsamkeit, dass ich immer wieder hoffe, auch wirklich alles deuten zu können, was mir in die Blicke springt.

Das Oberstübchen wirft mir auch sofort einzelne, reizende Worte in den Arbeitsspeicher den ich seit Jahr und Tag „Gugelei” nenne - und während ich dahinschlendere, wollen Worte wie Einsiedel(ei), einsieden, einwecken oder Seifensieder ja auch noch bearbeitet werden. Das ist schon ein schönes Stück Arbeit. „Google” hat meinen Arbeitsspeicher also abgeguckt. Das muss ja auch mal erwähnt und angeprangert werden. - Nun gut. Zurück zur Siedlung, wo sich niemand verstecken will.     

Oh nein, sie sind alle präsent, aber jeder muckelt allein und scheinbar gedankenverloren vor sich hin. In jeder Garage wird umgeräumt und gekehrt - es „klödert” hier und klimpert dort. Else hat ihre Pforte, an der sie sich festhält. Ihr Männe duckt sich ständig und scheint drauf und dran, mit dem Hund einen Gedankenaustausch anzustreben.

Herbert wiederum hat sich dem Wienern und Polieren verschrieben und geht tagsüber, also zwischen den Mahlzeiten, nur selten ins Haus. Überall sieht es aus wie geleckt, ein Igelschnitt für den Rasen ist Ehrensache und Rindenmulch-Torf-Schredder-Dünge-Mineral-Tüten pflastern Anlaufwege. Außerdem sind sie auf das Ausmessen versessen, stehen zeitigst auf und essen überpünktlich. „Von nichts” kommt eben wenig.

Alle können sich aber auch - und zwar beinahe wie auf Kommando - über den Zaun lehnen und Anteilnahme bekunden. Überwiegend dann, wenn irgendwo an irgendetwas Anstoß genommen und gemeckert werden muss - wenn ihnen etwas schwer gegen den Strich geht oder sich aus ihrem Selbstverständnis ausklinkt, also am „Auspendeln” ist. Das hat für sie immer den Anstrich, als sei jemand im Anmarsch, der ihnen eine Art Selbstverstümmelung aufschwatzen will. Dann scheint es kurzzeitig und mit dem ersten Zuschauen so, als könnten urplötzlich aus wortkargen Hampelmännern entschlossen auftretende Altgardisten werden.   

Dennoch steuert immer die Intensität von Gegenwehr ihr pfeilschnelles Vorpreschen und wenn die „Besseren Hälften” schließlich nach diesen Happen zu schnappen beginnen - etwa dann, wenn sie eine starre Frontenbildung ausmachen, wobei einige, wesentliche Geschütze noch nicht besetzt sind - verkrümelt und verdünnisiert sich diese Vorhut. Wie auch immer: Derlei Redeschlachten sind selten, dann aber zünftig.

In den meisten Fällen dreht es sich dann um die spielenden Jüngsten aus dem Viel-Kinder-Haus. Da lässt es sich wunderbar „aufdrehen”, weil schockierte Kinder eben nur sprachlos anstarren oder früh weglaufen. Ich fragte mich schon so oft, was in dieser Siedlung noch richtig lebt, wenn die Kinder in diesem biederen, seniorierten Areal nicht mehr da sein sollten. - Die wenigen Gartenteiche. Noch etwas? Eine Vorab-Pauschalierung - so weiß ich für mich mittlerweile - beflügelt die Sinne und ist manchmal sehr nützlich, bevor man ein Terrain endgültig und gründlich erkunden kann.  

Es sollte wohl so sein, dass direkt neben dem Kinderhaus eine alleinstehende Frau wohnt. Dagmar ist für mich der zweite wohltuende Farbklecks in dieser genormten Einöde. Sie werkelt allein am und im Haus herum, klettert aufs Dach und, wenn es sein muss, steigt sie auch anderen Leuten ruckzuck und vehement eben auf dieses.

Beide Farbkleckse harmonieren gut miteinander und das beruhigt mich ungeheuer. - Dagmars kurzer, pfiffiger Haarschnitt gefällt mir, sie weiß ihren Sprinter sehr gekonnt zu fahren und bewegt sich, das muss einfach gesagt werden, auch beim Klettern („und überhaupt”) so angenehm unnachahmlich. Kurz: Auch in Malerklamotten nett anzusehen und obendrein die Natürlichkeit selbst.

Auf viele „gemeinsame Jahre” blickt allerdings ein Ehepaar zurück, das viele gemeinsame Wege und Jahre gehen musste, um sich ihren Traum erfüllen zu können. Kurz hinter der Siedlung, dort wo der Wirtschaftsweg anfängt, umgeben von Acker- und Weideflächen also, liegt ihr Tier-Gnadenhof. Vom alten, zauseligen Esel bis hin zur genüsslich widerkäuenden, ausgemusterten Kuh gibt es hier alles, was den Tierfreund begeistern kann.

Sie kümmern sich liebevoll um all ihre Schützlinge, dürften das 70. Lebensjahr schon weit überschritten haben und karren ständig mit einem kleinen Geländewagen das Futter und die Gemüse-Restbestände aus Supermärkten heran. Golfo hat zwar ständig ihre Katzen im Auge und hängt beim Ziehen in seinem Brustgeschirr wie damals die Bikerin unseres Hauses im Sattel, er wird von ihnen aber immer freundlich begrüßt und getätschelt.

Sie sind so erfrischend warmherzig, so ungezwungen und freundlich, dass man sich gern in ihrer Nähe aufhält. Wenn sie sich ansehen, dann ist jedes Wort überflüssig und einige Gesten, die für den Anderen bestimmt sind, kommen immer einer gestammelten Liebeserklärung gleich. So viel Leben genießen Betrachter eben immer gern mit.

Als wir an diesem Nachmittag wieder nach Hause trotteten, bekamen wir abermals - wie hätte es auch anders sein können - einen kleinen Leckerbissen serviert. Die Concierge stand an der Haustür und drückte ihren eigenen Klingelknopf immer und immer wieder, was durch das geöffnete Fenster gut zu hören war. Bei ihr im Flur ringt oder rasselt es dann nämlich nicht - nein, da gibt es auf Knopfdruck eine ekelhafte, da überlaute Melodie zu hören.

Ferdi blieb aber wieder einmal auf seinen Ohren sitzen. Also schloss ich ihr die Tür auf und meinte beim Eintreten beiläufig: „Vorhin stand wieder die Tür offen. Ich sah, wie eine Maus, von der Konifere kommend, an der Hauswand entlanglief und im Flur verschwand. Ich weiß natürlich nicht, wo sie dann hin ist.” -  „Eine Maus”, meinte sie, die Worte ziemlich in die Länge ziehend - und ihre weit aufgerissenen Augen sprachen kurz darauf Bände.

„Ja, ja”, meinte ich und gab mit Daumen und Mittelfinger eine Größe vor. „Es war schon ein ganz schönes Kaliber!” - Wir gingen schnell ins Haus und sie lief, laut rufend, die Treppe hoch: „Ferdi, Ferdi - komm` mal schnell - Ferdiiiiii - ja hörst du jetzt gar nichts mehr?”

Es versprach ein abgerundeter Tag zu werden.

© Mondreiter

“Heute schon an Oma gedacht?”

Eisschlecken 

Wer auf seine Oma zu sprechen kommt, ihr ein gedankenverlorenes Lächeln schenkt oder aber gerade daran denkt, sie doch - endlich - wieder einmal zu besuchen (auch das soll es ja geben), der kennt auch dieses Gefühl in der Magengegend - weil immer, wenn man sich an sie erinnert auch etwas Wehmut oder aber Freude….und auch springlebendige, klitzekleine Begebenheiten mitschwingen, die doch schon wieder „soooo viele Jahre” zurückliegen.

Ich nannte meine Oma immer nur Omi. Heute denke ich, dass ich deshalb Omi sagte, weil die Anrede „Oma” eben die kindersprachliche Koseform von Großmama ist. Vielleicht war es mein Unterbewusstsein, das mich liebevoll „Omi” sagen ließ. Von einer Großmama, da erinnere ich mich gut, wollte ich nie sprechen oder etwas hören.

Diese Über-Mama, so ein Bild hatte ich immer von einer Großmama oder Großmutter, war für mich deshalb undenkbar, weil ich in der buckeligen Verwandtschaft eine Dame kannte, die keinerlei Erklärungen abgab, warum die Enkel zu ihr Großmutter sagen sollten - die aber mit ihrem beharrlichen Bestehen auf diese Anrede eine gewisse „Unterwürfigkeit” ihrer Enkel sichtlich genießen wollte - und auch konnte, wie ich später erfuhr. Die gute Dame hätte mit mir, da bin ich mir ganz sicher, aber viel Freude gehabt.

Eine Oma, die der meinen „ebenbürtig” gewesen wäre, ist wie ein großer Kummerkasten, ein geduldiger Zuhörer und eine begnadete Tränen-Trocknerin. Sie kann aber auch, wenn sie denn muss, wie eine äußerst hartnäckig um Aufklärung bemühte Miss Marple auftreten und zurechtstauchen wie ein Karosserieschlosser, der auf Blech trifft. Omi war vor allem immer auch Vermittlerin und ließ ihre Enkel nicht im Stich.

Ihre Stube veränderte sich bis zu ihrem Tod nur geringfügig. Topfpflanzen sind nun mal irgendwann fällig, um frischem Grün oder jungen Blühern Platz zu machen. Auch als später Scheune, Stallungen und die große Diele des bäuerlichen Anwesens leer standen, blieb die urgemütliche Stube immer ein Raum voller Leben. Wir waren gern bei ihr. Sie konnte so herzerfrischend schmunzeln, verschmitzt lächeln und erzählen. Es war warm - nicht langweilig. Ich konnte meine Worte und Fragen loswerden und sie hörte zu.

Auch als wir nicht mehr Kinder waren, bestand sie für Heiligabend immer noch darauf, dass es immer auch eine Bescherung bei ihr gab. So standen wir dann, wie wir es „von Früher” kannten, erst im Flur, sagten ein Gedicht oder die Strophe eines Liedes auf und durften erst eintreten, wenn das Glöckchen uns hereinrief. Natürlich war der Kachelofen gut beschickt und wenn es tatsächlich für eine kurzen Augenblick still wurde, dann gab das Ticken der Wanduhr den Ton an. Etliche Bratäpfel zischten oder tanzten auf den heißen Kacheln und verbreiteten diesen unbeschreiblich zartherben Duft.Feuerwerk

Auch ihre Große Küche blieb im Ruhestand unverändert. Da durften wir als Jugendliche „selbstredend” oft unsere Sonnabend-Feten feiern und laute Musik schreckte höchstens die Mäuse auf der angrenzenden Diele auf, die zum ehemaligen Kuhstall und „raus auf den Hof” führte. Die damaligen, wunderbaren „Feuerwerke” eben. Die neuesten „Scheiben” drehten sich auf dem Plattenteller und später widmete man sich natürlich dem, was vorher unzählige Male als Musiktitel gewünscht wurde: „And Then I Kissed Her”.

Ein „altes Muttchen” begegnete mir neulich auf dem Gehsteig, nachdem ich aus dem Wagen gestiegen war, um an der Tankstelle Zigaretten zu holen. Ich hatte es eilig, denn die ersten dicken Regentropfen eines Fünf-Minuten-Gewitters (auch eine ganz neue Erscheinungsform) klatschten bereits wie Wassererbsen auf den Asphalt.

Sie schob einen Laufwagen vor sich her, kramte umständlich nach der Regenhaube und verlor dabei aus ihrem Gitterkorb ein buntes, säuberlich „zusammen geplättetes” Taschenbuch mit Rosenmuster und zartem Häkelrand. So eines hätte auch meiner Oma gehören können.

Ich hob es auf und brachte es ihr. „Danke, haben Sie vielen Dank”, sagte sie schon bevor sie mich anblickte. Dann drehte sie sich langsam um, aber ihre Augen waren weitaus munterer als erwartet - und musterten mich hellwach. Dazu schenkte sie mir ein offenes, ganz warmes Lächeln. Ich weiß nicht, ob es das war, was die Gedanken an meine Oma wieder einmal wachrufen konnte.

Vielleicht waren es auch ihre Worte zum Abschied: „Ihnen einen schönen Tag!”

© Mondreiter

Unerwartete Begegnungen

Nebel

Früher Abend vor dem letzten Schultag. Matthias stand wieder voll unter Strom - wie der Computer und die Stereoanlage auch. Cheat-Lösungen für das Ballerspiel waren besorgt, das Display vom Handy leuchtete ständig und piepste mit schöner Regelmäßigkeit. Vieles war „angesagt” - aber noch nicht alles erledigt. Schließlich ein mehrfach gerufener Auftrag für ihn. Das Fahrrad musste noch in die Garage. „So ein Mist aber auch”, jammerte er sich selbst etwas vor.

Als er glücklich die Treppe im Sturm genommen hatte und aus der Haustür eilte, war es dunkel. Opa lief ihm auch noch über den Weg, was manchmal Zeit kosten konnte. Er hatte die Klappe am Stall bereits geschlossen und die Hühner vor dem Mardertod beschützt. Der Hahn kurvte noch einmal quer durchs Domizil und schlug eifrig mit den Flügeln. Dann war Ruhe.

Es war immer noch sehr mild. Beinahe frühlingshafte Temperaturen - und das fünf Tage vor Weihnachten. Opa warf auch heute scheinbar flüchtige Blicke über das Grundstück und eine angrenzende Wiese, ehe er den Gemüsegarten in seinen Rundblick einfließen ließ. Das obligatorische, ausdauernde Kratzen am Hinterkopf gehörte bei ihm einfach dazu.

Wie oft musste sich Matthias ein Lachen verkneifen, wenn er ihn so dastehen sah. Früher hatte er Opas Ritual für blanke Spinnerei gehalten. Erst in letzter Zeit war er sich da nicht mehr so sicher, denn er gab regelmäßig Wetterprognosen ab und traf sehr oft ins Schwarze. Auch seine extravaganten Anbaumethoden im Garten trugen Früchte und die Strafkataloge für flegelhaftes Benehmen „saßen” oft besser als Stubenarrest und PC-Verbot.

Ging es um Dinge wie das Wetter, das Säen und Pflanzen im Garten oder um seltsame Ereignisse um uns herum, dann hielt er es stets mit dem Mystischen, was Matthias manchmal sogar für „cool” hielt. So seine Bemerkung „Wir tun uns mit allem schwer, was wir nicht sehen oder sofort spüren können”. Zufälle akzeptierte er auch nicht. „Sonderbare Begegnungen zwischen Mensch, Tier und Natur sind nicht zufällig - und es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, über die wir ehrfurchtsvoll staunen, wenn wir ihnen begegnen. Vorausgesetzt, wir wollen das Mystische auch akzeptieren”, pflegte er zu sagen. Sehr geheimnisvoll das Ganze.

Seine Einschätzungen hinsichtlich des Wetters der nächsten Tage erschienen Matthias an diesem Abend wieder lachhaft, denn Opa druckste nicht lange herum und verkündete: „Weihnachten schneit es ganz gewaltig!” - Matthias war von den Socken und antwortete beim Weggehen: „Eher zeigen sich die ersten Krokusse!” Er sah noch wie Opa abwinkte, ehe er ins Haus hastete.

Nun war Opa auch ein Super-Geschichtenerzähler. Jeden Abend hatte er früher auf seiner Bettkante gesessen. Er las sie nicht etwa vor - nein, er erfand sie. Tag für Tag. Unglaublich spannende, lustige und nachdenkliche Ereignisse waren es, die ihn immer viel zu früh ins Traumland schickten. Als er ihm dann eines Abends ein Comic-Heft zum Vorlesen hingehalten hatte, stand Opa auf und meinte an der Tür: „Schlaf schön, mein Junge!” - Fortan gab es keine Geschichten mehr - und auch keine Erklärung. So einfach war das für ihn.

Für seine kleine Schwester, die neugierige Ziege, war Opa aber schon seit einiger Zeit wieder putzmunter am Werk. - Als Matthias später an diesem Abend an ihrer leicht geöffneten Zimmertür vorbeigehen wollte, hörte er ihn im Zimmer leise erzählen. Er blieb stehen, lauschte und wunderte sich. Sabine schnatterte wieder ohne Ende rum. Opa gab sich extrem cool und sagte gerade liebevoll: „Da hast du völlig Recht, Prinzessin - so geht das ja nicht!” Keine Spur von Ungeduld in seiner Stimme. - Sabine hakte sofort nach: „Opa, ist das Sterben schlimm?” - „Wie kommst du denn darauf”, wollte er wissen. Sie plapperte munter drauflos: „Heute - also ganz früh -ist die Katze von Tobias überfahren worden. Sie ist tot und nicht mehr da. Er hat nur noch geheult. - Ist sie jetzt im Himmel - oder wo?”

Opa räusperte sich und nach einer kurze Pause fuhr er fort: „Sie ist zwar nicht mehr da, also er sieht sie nicht mehr - und kann sie nicht mehr knuddeln. Aber trotzdem ist sie immer weiter um ihn rum - richtig unsichtbar. Aber sie ist da. Und je mehr er an sie denkt, taucht sie auch in seinen Träumen auf - oder er glaubt, dass er sie irgendwann später hier und da einmal kurz gesehen hat. Irgendwo - draußen. Nur für einen kurzen, schönen Augenblick. Vielleicht kannst du das heute nicht richtig verstehen, aber später bestimmt.”

Und er meinte dann noch: „Weißt du noch, als wir neulich am Hoftor standen und wegen des dichten Nebels gerade noch das Licht der Straßenlaterne sehen konnten - als das sonst so grelle Licht ganz matt war”, wollte Opa wissen. „Ja, das sah toll aus”, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen. - „Siehst du, Prinzessin”, flüsterte er, „wenn jemand stirbt, dann ist es beinahe so, als wenn jemand im Nebel langsam auf die Laterne zugeht. Und du siehst ihn dann gerade noch für einen Augenblick- und kurz danach nicht mehr. Aber wenn du stehen bleibst und ganz doll immer auf diesen Punkt guckst, kann es sein, dass du denkst: Steht er da nicht noch, war das nicht sein Gesicht in dem matten Licht?”

Matthias ging auf Zehenspitzen die Treppe runter. Verlegen kratzte er sich am Kopf. Er war gänzlich „von den Socken”, als es in diesem Jahr zu Heiligabend stark zu schneien begann. Kein Lüftchen regte sich. Dicke, superweiche Flocken purzelten aus dem Dunkel herab und innerhalb einer Stunde war es Weihnachten, wie es im Buche steht. - An viele Weihnachtsfeste erinnerte er sich gar nicht mehr, aber dieses war eben mit dem schönen Erlebnis verbunden - und blieb deshalb für immer unauslöschlich.

* * *

Im darauf folgenden Spätherbst war es sein Opa, den der dichte Nebel einhüllte und nicht mehr zurückgab. Allerdings war es ihm danach nie so, wie es Opa bei Sabine erzählt hatte. Er sah ihn in keinem seiner Träume, obwohl er den Tod das erste Mal aus der Nähe, in der Familie, gesehen und sehr sehr stark gespürt hatte. - Er ahnte nicht, dass er an einem Abend gleich zwei „Begegnungen” spüren und erfahren sollte.

Weihnachten kam. In den letzten Stunden vor der Bescherung war Matthias gar nicht mehr so froh darüber, dass er Oma spontan zugesagt hatte, mit ihr zum Weihnachts-Gottesdienst zu gehen. Sie stand schon ausgehfertig in der geöffneten Haustür, als er nach mehreren Rufen doch noch den Weg nach draußen fand. Es war etwas kälter geworden, aber es schneite nicht. „Schiete”, dachte er, als sie in der Kirche weit vorn Plätze gefunden hatten, „jetzt kannst du hier auch noch so lange rumhängen.” - Oma war nämlich immer sehr früh dran, wenn es irgendwo hingehen sollte.

Matthias dachte an all die Dinge, die er sich gewünscht hatte. Als Oma einmal kurz seine Hand berührte, weil sie ihn auf den Gott sei dank nicht so kitschig geschmückten Weihnachtsbaum vor dem Altar hinweisen wollte, da dachte er kurz an Opa - an seinen schnellen Tod. Und erst jetzt fiel ihm auf, dass die Baumbeleuchtung wie von einem Dimmerschalter „zurückgeschraubt” schien. Jedenfalls verbreitete ein schönes Halbdunkel sanfte Atmosphäre.

Er war abermals in Gedanken versunken. Angenehm leises Orgelspiel hatte eingesetzt und die letzten Kirchgänger fanden sich ein. Einige gingen an ihrer Bankreihe vorbei und wollten vor dem Platznehmen noch einen Blick auf das Krippenspiel werfen oder vor dem Altar kurz andächtig verweilen. Es störte ihn nicht. Er war sogar froh, dass neben dem Naseschnauben, Hüsteln und Fußscharren noch Ablenkung da war, damit sich der große Uhrzeiger endlich wieder normal vorwärts bewegt.

Warum er sich plötzlich umdrehte, war ihm schleierhaft. Auch später fand er dafür keine Erklärung. Das erste Mal in seinem Leben war er wie vom Donner gerührt. Er sah ein Mädchen, das ungefähr sein Alter haben musste. Schlank, zierlich - ein zartes Gesicht - etwas längere, dunkle und leicht lockige Haare. Sie schien leicht zu lächeln, die ganze Zeit. - Ihm blieb die Spucke weg, ein Kloß saß im Hals, an den Schläfen pochte es wie wild. Er konnte den Blick nicht von ihr lassen, aber es fiel ihm absolut kein cooles Wort ein, das man auf der Straße eigentlich für eine außergewöhnliche Begegnung immer parat hat. - Sie schien seine Blicke nicht zu bemerken.

Alles war wie weggeblasen. Er nahm nichts mehr von dem wahr, was um ihn herum war. Obwohl es etwas unruhiger geworden war. Erst als sie beinahe in Höhe seiner Reihe war sah er, dass ihr Gesicht feucht war - wie von verriebenen Tränen. Und im Kerzenschein bemerkte er, dass die Haare über der Stirn fast nass waren. Sie trug einen dunklen Mantel mit Kapuze. - Und plötzlich war er endgültig baff. Er sah Reste von dicken Schneeflocken, die auf ihren Schultern lagen. Es musste also zu schneien begonnen haben.

Jetzt kehrte sie vom Altar zurück und verlegen senkte er kurz den Blick. Als er wieder aufsah war ihm, als hätte sie ihn gesehen. Sie besaß immer noch diesen sanften Gesichtsausdruck mit dem kaum wahrnehmbaren Lächeln, aber er glaubte eine kurze Bewegung ihrer Augen bemerkt zu haben. Er kannte sie nicht - war ihr auch nie begegnet. Sie war so anders als alles, was ihm bis dahin an Mädchen „über den Weg gelaufen” war. Wirklich anders. - Wie anders? In seinem Kopf war ein ständiges Kreisen und Hämmern.

Irgendwie flog dieser Gottesdienst an ihm vorbei. Er fühlte sich wunderbar leicht. Einige Male hielt er nach ihr Ausschau - auch dann noch, als er mit Oma nach Hause ging. Er hatte sie untergehakt, damit sie im dichten Schneegestöber nicht zu Fall kommen konnte. Er sah sie nicht mehr, aber es war keine Traurigkeit da. Nur diese innere Unruhe - diese Augen, die er immer noch vor sich hatte. Das zauberhafte Gesicht mit der fein geschnittenen Nase und das dunkle Engelshaar. Er wusste, dass er sie ganz einfach würde suchen müssen. Er wusste es einfach. Fortan jeden Tag - das war schon klar. Er war sich sicher, dass es gar nicht anders gehen würde.

Nach der Bescherung und dem viel zu langen Essen zog es ihn in sein Zimmer und er war allein mit seinem Computer, der Musik und den Geschenken, die er unbedingt um sich haben musste. Mitten im Spiel stand er häufig auf, lief beinahe planlos im Zimmer umher. - Sie war immer noch da, wollte einfach nicht aus dem Kopf verschwinden. Nicht für einen kurzen Augenblick. Und irgendwann später war ihm, als ob eine leichte Hand auf seiner Schulter liegen würde. Aber das verwarf er dann doch schnell wieder.

Irgendwann schaute er wieder aus dem Fenster. Hier, im ersten Stock, hatte er einen fabelhaften Blick auf den riesigen Kirschbaum an der Hofeinfahrt, auf die schmale Seitenstraße und eine massige Hecke, die Nachbars Grundstück umsäumte. Es schneite wieder - diesmal „wie aus Kübeln”. Da die Außenlichter am Haus nicht mehr brannten, war das Flockenspiel rund um die alte, einzige Straßenlaterne drüben an der Ecke besonders schön.

Er lehnte sich gegen die Fensternische, nippte mehrmals kurz an seiner Cola und war wenig später gedanklich wie versunken. Jetzt sah er sie wieder vor sich - noch schöner, noch eindringlicher - ihr ganzes Gesicht. Zart und mit eigenartig weichen und fragenden Augen. Wahnsinnig schön.

Dann ging sein Blick wieder rüber zu der Laterne und in das dichte Flocken-Treiben. Später kam es ihm so vor, als wäre er sehr lange mit seinen Gedanken unterwegs gewesen. Das einzige was er spürte, war die intensiv aufsteigende Wärme des Heizkörpers. Plötzlich faszinierte ihn der weite Bereich neben dem grellen Licht sehr - das Halbdunkel zur Hauptstraße hin.

Er dachte an Opa und hörte ihn noch im Zimmer erzählen - mit seiner faszinierenden Stimme. Er hatte ganz selten laute Worte gefunden, wenn Zoff angesagt war. Er sagte wenig, aber viel. Das wusste er jetzt. Und er konnte so herzhaft lachen - sich „beömmeln”, wie er es selbst nannte. Dieses unbeschwerte Lachen hörte er - und im gleichen Moment sah er sein Gesicht da hinten im Halbdunkel. Nicht so klar wie das Ihre, aber sekundenlang. Er war immer noch da und würde bleiben. Daran glaubte er jetzt.

***

Matthias suchte sie verzweifelt - Tag für Tag - jeden Monat neu. Sie ließ sich einfach nicht finden. Auch am nächsten Weihnachtsfest nicht. Ob es daran lag, dass es nicht geschneit hatte? Aber diesmal sagte er zu sich: „Humbug - so etwas gibt es nun doch nicht!” - Seltsam war, dass er es schon wenig später nicht mehr ausschließen konnte. Wie hatte Opa immer gesagt?

Manchmal drehte er sich auf der Straße plötzlich um, weil er sich von ihrem Blick berührt fühlte. Aber sie war nicht da. Er benötigte in seiner Freizeit so viel Zeit für sie, dass es vielen aus seiner Clique auffiel. Was er selbst feststellte war, dass er sich trotz des verzweifelten Suchens nicht etwa schlecht fühlte. Im Gegenteil - er war nicht bedrückt oder unglücklich. Sie war eben immer da.

Der Umgang mit Freunden veränderte sich, wie er selbst feststellte. Er streifte viel von dem schrillen und schiefen Gehabe ab. Er war ansprechbar und selbst von den Socken, dass ihn auch die ärgste Nervensäge „aus der Achten” mit ihrer dummen Rumblödelei und den ach so geilen Sprüchen nicht mehr zur Verzweiflung treiben konnte. Ja, er fühlte sich gut. Dennoch fehlte sie ihm schmerzlich.

***

Jahre waren vergangen. Es war wieder Weihnachten. Nach der Bescherung ging er vor die überdachte Haustür - wollte etwas Luft schnappen und ein wenig von dem lauten und lustigen Drunter und Drüber hinter sich lassen. Es schneite, aber es war windstill und die Luft unwahrscheinlich rein. Diesmal genoss er die Zigarette sehr. Er schaute in Richtung Schuppen - und kurz zur Laterne rüber. Wie so oft - immer wieder, an bestimmten Tagen. Aber gerade an solchen Abenden.

Eine leichte Hand lag plötzlich auf seiner Schulter, aber er hätte gar nicht erschrecken können. Sofort sah er wieder ihr Gesicht vor sich. Ein lachendes - die Augen strahlten. Aber das andere trug er auch bei sich. - „Denkst du gerade an ihn”, fragte sie und ihre Hand fuhr ihm durch die Nackenhaare. „Ja, heute besonders”, antwortete er, drehte sich um und nahm sie in die Arme.

„Ich habe dich gefunden”, sagte er und seine Stimme klang wie außer Atem. „Ja, wir haben uns gefunden”, hauchte sie in seinen Nacken. Dann sah sie ihm in die Augen und flüsterte: „Das Besondere bei uns ist, dass es eine wirkliche Begegnung war - eine, von der dein Opa immer gesprochen hat.” - „Ja”, sagte er und strich über ihre Wange, „wir sollten uns treffen, hätten uns sowieso gefunden. Das wusste ich bald. Und wir hätten uns nicht verlieren können.”

„Wir werden uns nicht verlieren”, fügte sie hinzu, „dafür ist viel zu viel Magie um uns rum. So viel, dass wir glücklich staunen können.” - Sie beschlossen, später noch einen langen Spaziergang im Schnee zu machen und wollten raus - weit raus.

„Was meinst du”, fragte sie ihn irgendwann lächelnd, „was sollen wir den Leuten sagen, wenn wir zum Himmel aufsehen. Welche Botschaft haben wir für sie?” - „Eine tolle Idee”, erwiderte er, „wir werden ihnen viel zu sagen haben, aber wir verraten es keinem. Schließlich ist es unsere Geschichte!”

„Nein”, sagte sie, „das werden wir nicht. Aber es gibt diese einmaligen Begegnungen, die nicht zu trennen sind. WIR wissen es ja”

© Mondreiter

Morgendämmerung

Neuer Morgen 

Wer einem neuen Tag noch nie begegnet ist,

kennt die Momente nicht, wo man teilen möchte.

Wer den taufrischen Morgen noch nie gesehen hat,

weiß nicht um die großen Geschenke für uns.

Wenn der Gesang der Vögel die große Stille nicht stört,

gehen die Gedanken mit der Sehnsucht auf Reisen.

© Mondreiter

Was uns wirklich “ansteckt”

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Was uns bleibend berührt? Manchmal ist es ein Naturschauspiel oder es liegt im plötzlichen, unverhofften Erblicken eines ergreifenden Panoramas - dem Erleben einer einzigartigen Sequenz. Irgendwann können es auch Momente voller Einklang und Harmonie sein und wir gewinnen eine ganz neue Einschätzung und Verarbeitung des Erlebten. - Mal sind es Phasen einer Begegnung, vielleicht nur ein flüchtiger Blick oder ein kurzes Betrachten - dann eine Berührung, die uns enorm „ansteckt”.

Es ist wie Magie, an die ich unbedingt glaube - das Erlebnis des Mystischen - das Erkennen, dass es „da” noch etwas gibt, was wir schwer begreifen und in Worte fassen können. Wir bestaunen es, ziehen uns fasziniert zurück, verlieren uns vielleicht in ehrlicher Ehrfurcht. Schließlich wundern wir uns über uns selbst. Nie hätten wir es für möglich gehalten, einen perfekten Gleichklang der Sinne so bewusst und derart „abgeschirmt” fühlen und erleben zu können. Aber es war da - weil es „um uns herum” ist.

So eindringlich und „atemlos” umgesetzt wie in dem Film „Schlaflos in
Seattle” mit Meg Ryan und Tom Hanks - so berührend wie in „…und täglich grüsst das Murmeltier” mit Bill Murray und Andie McDowell - und so perfekt in eine wahnsinnig schöne Instrumental-Musik von Mark Knopfler (Dire Straits) gepackte Handlung von „Local Hero”.

Wir glauben nach Hause zu kommen, das wirklich Berauschende gefunden zu haben - fühlen uns sicher und behütet.

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Diese Augenblicke….

Wiesengrund 

Es gibt Augenblicke, wo wir nur einen Blick oder eine Hand brauchen, um ganz weit weggetragen zu werden. Ein Hochgefühl tut sich auf, alles scheint schwebend und wir staunen mit offenen Armen. Keine geschlossenen Pforten mehr. Berührungen als Zwischenton.

Eine Musik wird angestoßen, die alles abdeckt und uns die drei Zonen ertasten lässt: Licht, Halbdunkel und Dunkel. - Wir sind zu Hause. Wieder Kinder. Wir gehen ehrlich mit dem Flüstern um und benutzen wenig Sprache.

© Mondreiter

Warum wir morgens manchmal wie gerädert sind

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Manchmal sitze ich einfach da und sage leise in mich rein: „Mensch, das hast du aber wieder gut hingekriegt - dass darauf noch keiner gekommen ist. Die Menschheit weiß gar nicht, was sie an dir hat!”

Gestern wachte ich auf und hatte das Gefühl, trotz der wenigen Schlafstunden ganz hervorragend und viel viel länger geratzelt und geträumelt zu haben. - Das mit dem Ratzeln und Träumeln hat damit zu tun, dass es zu einem Zauberspruch gehört, den ich Golfo allabendlich mit auf den Weg ins Traumland gebe. „Jetzt wollen wir schön ratzeln und träumeln - dann wird morgen ein ganz feiner Tag”, sage ich immer und lösche das Licht. Nein, ich löschte nicht - ich drehte dem Licht den Strom ab.

Warum war mir am Morgen so? - Ich machte mich also auf die Suche nach des Pudels Kern, kam zu dem Schluss, dass dieses und jenes in meinen Überlegungen nicht von der Hand zu weisen ist und kurz danach war es dann auch in Sack und Tüten. Es erledigte sich, während ich am Küchentisch saß. - Ich sah gerade auf meine Hand, die die Tasse zum Mund führte, während mein Fuß unvorsichtig gegen ein Tischbein stieß. Also hatte doch alles Hand und Fuß, was mir nach dem Erwachen in den Sinn kam. Zufälle gibt es ja nicht.

Da dieses Gefühl des Immens-Lange-Geschlafen-Zu-Haben(s) nicht immer, sondern nur hin und wieder das morgendliche Wohlbefinden ankurbelt, untermauert es meine These. Das sage ich jetzt einfach mal so. - Aber jetzt will ich diesen Gedankenblitz, der ein extra Spotlight verdient hat, mal weitergeben.  

Die Erde dreht sich ja - und die Welt (da mit ihr verschweißt - hust) immer mit ihr. Beide werden von (nur mal eben über den Daumen) etwa 8 Milliarden Menschen bevölkert und gequält. Von nichts kommt schließlich nichts - und inzwischen lassen wir ja auch quälen. Von Maschinen und dergleichen. Dazu kommen noch die Tiere, die auch ordentlich zu Buche schlagen.

Wissenschaftler stellten ja unlängst fest, dass Wiederkäuer unserem Planeten durch deftiges Furzen auch nicht unerheblich zusetzen. - Etwa 12 Milliarden Menschen, nahezu 40 Milliarden Füße (jaja - ich hab die Vierbeiner mit auf dem Zettel), die auch noch ordentlich am Trippeln sind und - sichtbar oder nicht - Unrat verschmeißen.  

Auf einem Extrazettel hielt ich sofort fest, dass die Weltbevölkerung nicht nur ruhelos - nein, auch überschuldet ist “bis zum geht nicht mehr”. Städte, Länder und Gemeinden des Erden-Fizzelchens Deutschlands sind mit ?-!+??=!!! B i l l i o n e n Euro (man beachte die Feinheiten) im Welt-Sollbuch in der Kreide. - Genug der Kursabweichung - aber wer weiß, wofür es gut ist.

Zurück zur Schlafanalyse. Die Welt dreht sich ja und wir nutzen den Schatten anderer All-Körper, um Schlaf zu finden. Einer früher, der Andere später - ist ja klar. Wenn es nun mal vorkommt, dass die meisten Erdlinge während meines Ratzelns gerade in der gleichen Richtung unterwegs sind, dann müsste das doch Einfluss auf die Drehbewegung dieser, unserer Welt (Erde) haben. - Und deshalb (da bin ich mir sicher) kommt es schon mal vor, dass sich die Weltkugel langsamer dreht. Unschlüssige gibt es ja Zuhauf - und viele, die im Regen stehen bleiben. So einfach ist das. Für mich jedenfalls.

Wenn es mal nicht so rund für uns läuft, dann erfahren und spüren wir, die wir hier beinahe auf einem Fleck zusammen leben, es ja prompt am nächsten Morgen. Logisch, dass sich das immer erst hinterher zeigen kann. Wenn das Ergebnis feststeht, schlafen wir ja noch.

Golfo nickt und gähnt. Es war wieder ein Reinfall heute Nacht. Lauffreudig waren sie alle - sind gerannt wie nichts Gutes und schenkten mir `nen dicken Kopf. “Ruhig Blut, Freunde!”

© Mondreiter