Eines verbindet Journalisten ungemein. Sie archivieren in Häufchen, die sich am Arbeitsplatz oder auf möglichst „greifbaren” Unterschränken und Regalen bilden - und natürlich wachsen. Sie werden größer und schwerer. Die Putzfrauen stöhnen, rebellieren und weigern sich bisweilen. Mit Charme lenkt man ein - und ab. Da lagern Fotos, Manuskripte, unwichtige und doch nicht ganz unbedeutende Schreiben - und natürlich Extravagantes aller Art. Alles beieinander und greifbar - aber nicht nur in Redaktionsräumen.
Das Positive, nämlich den Überblick zu behalten und alles schnellstens finden zu können, lag immer klar auf der Hand. Außenstehende allerdings, und dazu gehörte meine damalige Freundin wegen des fehlenden Überblickes auch, sahen es anders. Duldsam wie ich bin, ließ ich sie in dem Glauben und erfreute mich immer an den gehorteten Blättern, Broschüren, Magazinen und Fotos. Was für ein Wissenspotiential - reif und abgelagert - bunt verschmissen und beinahe auf DIN-Format gebracht. Ein Segen - und das auf einem Quadratmeter. Allein deshalb bleibt das Positive unumstritten.
Natürlich hatten diese Podeste noch andere Vorteile. Der Aschenbecher verschwand aus den Hantierbereichen des Arbeitsplatzes und stand immer auf dem ganz aktuellen Vorarchiv, während der Klüngelkram außer Reichweite blieb. So wurde endlich ein Regalbrett frei. Dieses Plätzchen teilten sich die schon vorsortierten Fotos mit dem Kleinkram, der irgendwann wieder in Schubladen landen sollte. - Als eines schönen Tages der Kaffeetopf auf dem Fensterbrett stand, weshalb ihre Topfpflanzen notgedrungen etwas mehr zur Seite……..(”na, nun macht schon”)…. - da lief irgendwo ein Fass über und ich musste mich Hals über Kopf auf dieses Dilemma konzentrieren. „Aufstände” bringen alles durcheinander.
Einige Tage später ging sie - aber nicht wegen meiner kleinen Stapel. Ihr Stapel war wieder umgefallen. Es geht um die architektonische Sensation schlechthin. Eine tragende Säule wuppt da immer ein Ganzes. Eine Wand läuft, sofern überhaupt gezogen, nahtlos durch die andere. Alles luftig gehalten. Eine Art Kartenhaus. Mauerwerk kann….muss aber nicht.
Sie wollte alles möglichst alleine tragen - ließ sich nur selten forttragen. Sie brach auch schon mal zusammen und bekam immer noch eine Hand an die Säule, die aber urplötzlich immer mal wieder allein dastand - ohne Haus. Tägliches Halt-Suchen, das von außen kaum zu erkennen ist. - Sie ist Missbrauchsopfer.
Missbrauchsopfer bauen selten auf Fundamente auf - mögen sie nicht. Wenn sie doch gegossen werden - und das geht immer ruckzuck - dann mit der Mischung aus Euphorie und zierlicher Zuversicht. Keine Deckenbalken. Keine Haustür. Es würde zu viel sein, was auf den Kopf fällt - und Fluchtwege sind immer freizuhalten. Missbrauchsopfer sind findig und unnachahmlich. Sie bauen ständig und fangen entweder ganz unten oder sofort ganz oben an.
Außerdem bezeichnen sie sich als mustergültige Siedler und lieben Sonne und Regen abgöttisch. Die Tränen werden getrocknet oder sie bleiben unentdeckt. - Hilfe anbieten darf man immer, aber es ist fraglich, ob sie auch zum Zuge kommen kann - dass sie überhaupt angenommen wird. Gestammelte Bitten können schon morgen in einer Lade verschwunden sein, die der „Ablage 17″ ähnelt.
Die Funkstille hatte uns also wieder einmal eingeholt. - Die „Feindlage” oder der Grad der Zerrissenheit bestimmen immer, wie lange der Tiger im Käfig bleiben muss und ob der Spatz auf dem Dach wieder heimisch wird. - Nach vier Tagen der Tränen-Anruf. Man war dankbar, wenn sich ihr „schlauchendes” Schluchzen an einigen gestammelten Worten festklammerte und ich konnte dann einzig zuhören. Ein stundenlanges Auf und Ab, wo das Überhören wichtig wird und das Gehörte in die Stille geschoben wird. Eine Frage von ihr war dann wie ein Geschenk - und ein gequältes, überdrehtes Lachen lief sich tot.
Bis zum zweiten Anruf können dann Tage oder Wochen vergehen. Bei uns war es jedenfalls so. Anfangs ließ ich mich einmal hinreißen und griff selbst zum Hörer. Ich erfuhr eigentlich gar nichts und kam mir wie ein Niemand vor. Da tritt man voll in eine Pfütze von Abneigung - badet mit Sticheleien oder im hämischen Lachen. Probleme? - Welche Probleme?
Schließlich folgt dann (nein, nicht umgehend) ein Anruf, wo man sich wegen der Stimme fragt, wie sie so viel Weichspüler auf einmal schlucken konnte. Dann „ist man wieder Wer” und wird damit überrannt, dass man ja alles versteht (SIE versteht). - „Weißt du noch….?” - Gleichklang bis ins kleinste Gefühls-Kämmerlein am Abend und ein sich lang hinziehender Abschied am frühen Morgen. - Gerädert war ich dann immer nur deshalb, weil das „Dumm-Dastehen” damit nicht beendet war. Zunächst war das Fühlen von Harmonie und Gleichklang aber tonangebend.
Dann rief sie (später, viel später) an und läutete eine Art „Flackerphase” ein, die sich immer sehr deftig-heftig anhörte. Da gilt es wieder, zwischen den Worten zu „lesen”, weil es (wiederum später) sehr wichtig werden konnte. Dann sprach sie davon, dass es für mich „einfach nur die Hölle” sein wird, wenn wir weiter……!
Kein weiteres Wort über unsere Beziehung. - Beziehungsweise…..von dem Heer der Fragezeichen.
(Folgt Teil 2)
© Mondreiter
Geschrieben am 11. November 2007 von Mondreiter
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