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Unerklärliches hat viele Namen - Phänomene haben noch mehr….Umschreibungen

Rauschende Gedanken - oder das verrottete Wehr

Ich will euch mal sagen, was mir beim Betrachten dieses Fotos in den Sinn kam. Die Gedanken, von denen ich sprechen will, könnten uns gar nicht weiter beschäftigen, wenn wir auf dem Weg zur Arbeit, praktisch im Vorbeilaufen, noch einen „Coffee to Go” ergattern. Auch dann nicht, wenn uns eine Begebenheit gehörig langweilt. Ich denke etwa daran, dass ich zufällig Zaungast eines Promi-Empfangs werden könnte und verweilende Passanten mit ausgiebigem Gähnen nerven würde.

 Verrottetes Wehr 

Wenn ich das Foto ansehe und mir vorstelle, dass dieses Wehr mit rauschend abfließendem Wasser noch vor einiger Zeit auf Betrachter absolut berauschend wirkte und Mittelpunkt eines idyllischen Fleckchens Erde war, dann arbeitet es im Oberstübchen schon wieder ganz gewaltig. Es ist ein warnender Klingelton, der mich schlagartig hellwach macht. Etwa so eigenwillig klimpernd, als würden sich leicht vibrierende Tassen aneinander reiben oder ein schnell abgelegter Schlüssel am Brett auf andere treffen.

Wo etwas zum Erliegen kommt und kurz darauf brach liegt, ist oft auch etwas aus den Angeln gehoben worden, aus den Fugen geraten - und droht uns dauerhaft verloren zu gehen. So etwas drückt bei mir in der Regel auf die Stimmung und bringt mir auch schon mal „Teufels Küche” ins Haus. Wohl denen, die den Initiatoren oder Auslösern von Missständen nicht auf die Finger klopfen möchten - auf Anprangern zu verzichten verstehen. Sie sind glücklich dran, aber mir will es einfach nicht gelingen.

Trotz allem ist bei mir, wenn ich mich mal kurz von dem beziehungsreichen Foto losreiße, in letzter Zeit nichts von dem da, was mich annagt oder hektisch macht. Liegt es daran, dass ich es mir vom Leibe halten will ? - An und für sich bin ich ja eine Koryphäe darin, Gefühlswallungen und begleitend auftretendes Körperflattern deuten zu können.. Aber es bringt mich nicht weiter. Momentan bin ich betont ruhig, komme mir seit geraumer Zeit vor, als sei ich feinstens abgewogen, ausbalanciert und weich in den Tag gesetzt.

Recht haben alle, die meinen, dass es viel oder gar nichts heißen muss. Genau. - In mir geht aber trotz allem ein Anflug von beißendem Unbehagen spazieren. Es besitzt eine Art von Leibwächter-Funktion kurioser Prägung. Es will alles abwehren, was diesem Signalgeber an den Kragen will. - So, als müsse ein Süppchen erst im stillen Kämmerchen still vor sich hinbrodeln. - Warum ist das so?

Der Misston ist also präsent und klopft an - wieder und wieder. Bisher kannte ich das nur von meinem Mobilfunk-Anbieter, der mir eine Netzallergie andichtet und inzwischen glaubt, dass er mich mit Happy-Month-Tarifen einsalben kann. - Was das Unbehagen angeht, so hat es mit den vielen Fragezeichen zu tun. Wenn ich nämlich an Deutschland denke, dann wacht neben mir, und zwar allmorgendlich, eine Art „bleierne Stille” mit auf, die sich nach meinem Dafürhalten auch in alle Winkel dieses, unseres Landes eingenistet hat - die stumm gemacht hat, mausestumm (putziges Wort).

Seltsam - aber wahr. Immerhin regen wir uns ja prächtig über alles auf, was uns nicht betrifft. Was uns wütend macht oder gar „aussaugen” will, bedenken wir mit Schweigen und gleichzeitigem Abwenden. So, als wenn Hunde beschwichtigen. Genau genommen dürfen wir uns eigentlich auch gar nicht beschweren und Missstände anprangern. Dafür ist es viel….noch viel zu früh.  

Schließlich leben wir in einem Land, das sich die „Stufe 1″ auf einer nach oben hin recht offenen Skala für Gesundes Nationalbewusstsein nach geraumen Jahrzehnten durch einen sportlichen Auftritt lautstark erobert hat. Mehr Stolz müssen wir uns erst verdienen. Hier breche ich ab, denn nun geht es um Arbeit - um billiges Anbieten und recht wenig Verlangen also.

Jetzt werde ich einen Spaziergang machen und mich in der kommenden Woche mal wieder von den vielen, umgehenden Trommlern einlullen lassen. Sie verschmeißen immer so viel Farbe und wollen uns froh stimmen. Schön, dass es so etwas gibt. Vielleicht hilft es ja und kann mir ein befreiendes Lachen abringen. Man merkt schon, dass ich heute wieder durch und durch optimistisch gestimmt bin.

© Mondreiter     

Gedanken für die Nacht

Nachtsee 

Wenn ein schöner Gedanke zu dir fliegt,

behüte ihn wie einen kleinen Vogel.

Er braucht dein warmes Lächeln….

um fliegen zu können.

© Mondreiter

“Irgendwann bald”

Morgensonne 

Ich bin gerade drauf und dran, einem Manuskript so viel Leben einzuhauchen, dass es „irgendwann bald” zu einer Erzählung wird. Spontan, wie sollte es bei mir anders sein, entwickelte sich aus Stichworten, die eigentlich nur einer Titelsuche dienen sollten, eine Einleitung.

Ich muss einfach davon erzählen, weil sich danach - wieder einmal - einige Betrachtungen und Gedanken „einmischten”, die eine zunächst ins Auge gefaßte Handlung wieder und wieder veränderten. Ich ließ alles auch diesmal in eine abgespeicherte Schlummerphase treten, weil neben den ständig eintrudelnden Anregungen unweigerlich etwas eintritt und auf mich zukommt, was entweder eine schöne Wende bedeutet oder einen neuen Anfang nötig macht.

Die Berieselung, die Ablenkung - gleich welcher Art, gehört dann bei mir immer dazu. Ein Spielfilm auf „arte” brachte mir das Staunen und ein Reisebericht über die Westküste Schottlands (Insel Skye) schließlich die Bilder.

Bilder und Staunen setzten etwas in Bewegung und erfüllten mich schließlich so, wie  Phasen einer Annäherung eben Hals über Kopf verzaubern können. Momente, wo alles fließend, alles möglich ist, wo der schöne Spuk das Sagen hat - weil ein Bild einige andere „Abzüge” wachrufen kann und das Staunen eben ein leiser Weichzeichner ist.        

Ob Personen, Dinge, das Erlebte und das auf uns Zuflatternde: Alles kennt die „Zeiten der Annäherung”. Genau diesen Titel soll meinen Erzählung tragen, die ich demnächst (erst als unbearbeitete Fassung) hier „einstelle”.

© Mondreiter

Gedanken für den Weg

Farbenspiel 

Es ist was es ist - alles trifft sich
Ob der klare Blick zurück
Ob ein neuer Blick nach vorn
Ob scheinbar Flüchtiges dazwischen
Es ging nichts mehr im stillen Schmerz
Es war alles gesagt - und doch
Es war ganz anders als noch davor
Ein neuer Anfang fand ein Ende
Der Weg verstellt - wie oft zuvor
Etwas rief die kalten Tage immer

Nun ist er da - ein neuer Abend
Nun lebt er, dieser neue Traum
Wärme auf dem Weg und Ruhe für die Nacht
Mir scheint, du bist schon unterwegs
Hast es alles wahrhaben können
Kannst endlich neu ertasten - und siehst,
es lohnt sich loszugehen,
um laufend alles zu erreichen

© Mondreiter

Mit einem Hauch von Bewegung

Schwimmende Laterne 

Einfliegende Gedanken ähneln manchmal tollbunten Schmetterlingen, die uns mit zartem Zupfen, aber auch mit fortwährendem Anstupsen oder sanft zwickendem Zerren viele schöne Dinge einverleiben und außerdem sehr wohl wissen, wie sie mit unserer Stimmung mitfliegen und ständiges Verändern hervorzaubern, sich spielend leicht drehen und verwandeln, sich wie flatternde und dann wieder wie spielend leicht und geräuschlos rückkehrende Vögel niederlassen - uns neugierig und hellwach halten können.

Ihr schneller, warmer Flügelschlag wird von uns wie leichtes und behäbiges Gleitschwingen einer Eule empfunden, wenn sie uns anschieben und weit wegtragen wollen. Schon sind wir berührt und werden auffallend still gemacht. Einmal mehr entdecken wir vielleicht noch mehr von dem, was in uns schlummert. Eine neue Reise beginnt.

In diesen Hauch von Bewegung verstehen sie, so flink wie es wohl ein Wimpernschlag vermag, ein Karussell zu setzen, das Farben mitziehen und in einen atemberaubend rasenden, tanzenden Buntschleier verwandeln kann - in dem alles lebt und erregungsgleich zittert - und fließend bleibt. Sie bilden ein Gefüge, das uns, wie schnell oder langsam auch immer, selig-schwärmend, betörend-sinnlich, ängstlich-fragend oder furchtvoll-hoffend machen kann. Manchmal.

Und das, obwohl wir noch kurz zuvor die langen Schatten und das ekelhafte Netzwerk dieser schwarzen Flut düsterer Gedanken mit einem reißfesten Schleier verglichen hatten, der sich über die Augen legt und den klaren Blick verstellt, uns trotz Federleichtigkeit mit allen Fasern leicht am Boden halten oder mit Zerdenkformeln dem Verharren ausliefern konnte und hinter einem Vorhang dichten Nebels aus Steinbruch feste Mauern zauberte. 

  Ende eines Tages   

Alles das ist wieder verflogen, alles wieder anders. - So, als wenn wir uns entfernen und das Lachen oder Jauchzen hinter einer Anhöhe zurückbleibt, sich mit den nächsten Schritten schnell davonmacht. Als wäre einiges abrupt verstummt oder von näher tretenden Geräuschen geschluckt worden, während gleitende Reste eines Schwalls unser Ohr noch erreichen. Beinahe so, als würde eine vorüber fliegende Möwe mitten im Ruf innehalten, abtauchen und jenseits der Dünen, dicht über dem Wasser, noch einen einzigen Schrei ausstoßen.        

Viele Kleinigkeiten gesellen sich zu uns und es scheint, das alles für uns durch die Wärme geflogen ist und den lauen Luftstrom auf die Stirn gibt. So, wie wohl alles von einer entspannten Stirn nur ins Weiche fallen kann. Aberzigtausend Kribbelkäfer scheinen uns zu fesseln. Jeder für sich schon so versessen wie ein sensibel schaufelnder Maulwurf, der die abgetragene, feinkrümelige und dunkle Erde über sich aufquellen lässt wie   Kuchenteig im Zeitraffer anwächst und aufbricht. Beinahe so, als wenn sich eine schwarze Rauchglocke vor dem Himmelblau vergrößert, lautloses Brodeln erkennen lässt und sich aufzuplustern versteht. Alle Käfer zusammen aber so unberechenbar wie fleißig trippelnde, kreativ-wuselnde Ameisen, die, manchmal ganz behäbig und lustvoll, dann urplötzlich wie große Genies und mit übermächtiger Magie gesegnet, aus Unmengen von Tannennadeln ein bizarres Kunstwerk gestalten können.

Wo eben noch ein geordneter Stapel von gleichgroßen Blättern Papier in die Luft geworfen wurde, ergießt sich plötzlich etwas Ungeordnetes und Anregendes, ungemein gleitend-lebendig über uns. Hatten wir kurz zuvor noch dagesessen und konnten uns von irgendeinem Gedankenfaden zwar leiten und tragen lassen, aber nichts von den Bildern umfassend oder lebendig in Worte fassen, so sprudelt es plötzlich nur so aus uns heraus und fängt uns ein - mit einem Band, auf dem wir wieder tanzen und zurücklaufen können. Alles ist wieder da. - „Schmetterling, flieg`!”

So kann ein Hauch von Bewegung viel auf den Weg bringen. Lasten geben sich spielend der Gleitsucht des Segelns hin und Hintertüren geleiten eingelassene Haustür-Kälte wieder an die frische Luft.

Wer sagt denn, dass ein Frosch nicht fliegen kann?

© Mondreiter

  

Durchblick und “Durchmarsch” müssen verwandt sein

Regentag 

Gerade heute schoss mir morgens durch den Kopf, dass man in seiner näheren Umgebung erheblich mehr mitbekommt, wenn man öfter als sonst aus dem Haus gehen und  loszotteln muss. Beginnt der Tag als stinknormaler Tag, bekommen zart besaitete Seelen bereits den Tunnelblick, wenn es während des Rasierens plötzlich klingelt. Der Wasserkessel kann es nicht sein, weil er penetrant pfeift - also ist es der Einlass-Begehr-Knopf am „Haupttor” des Hauses. Wenn man das richtig erkannt hat, ist man auch schon hellwach.

Das Ulkige daran ist, dass uns der Stress-Regulier-Fühler im Körper aber etwas anderes einzuhämmern versucht. Ebenso die Mediziner. Sie sprechen dann, so rede ich mir beharrlich ein, sicher von einem Purzelbaum-Effekt sich begegnender Gegner. Hier die „Ruhe im Karton”, dort das angegriffene Gleichgewicht.

Nach einem solchen Zwischenfall soll man nach Meinung namhafter (also aller) Verkehrspsychologen nicht mehr ans Steuer seines eigenen Autos oder anderer, weil die Unfallgefahr….! Na, wem sage ich das. - Aber wer schläft heute schon wirklich - und dazu noch fest? Grinsen muss aber erlaubt sein. 

Es gilt, in der Eile die richtige Entscheidung zu treffen, ob man noch rechtzeitig den Arbeitsbeginn anstreben oder sich vielleicht doch….zurückziehen oder….verspätet erscheinen sollte!!?? - Wie gut derart Gebeutelte dann zur Arbeit kommen, weiß ich nicht. Darüber lässt sich auch nie etwas lesen. An dieser Stelle klinken sich Psychologen wohl auch aus.

Regenzweige 

Heute morgen war für mich zwar Eile geboten und ich war hundemüde, Golfo schien mir aber etwas besser drauf zu sein. Zwar in punkto Laufrichtungs-Stabilität noch etwas fahrig (aha, der ICE donnerte gerade über die Brücke), dennoch durchaus stöberfreudig. Und das, obwohl er sich da noch mitten in seinem bisher schwersten „Durchmarsch” befand.

Eine Nacht voller Eil-„Geschäfte” lag hinter uns und der „Pfiff” drohte auch den Tag zu erobern. Mit Rein- und Raushasten war es da nicht allein getan. Hinzu kam, dass mich Schuldgefühle beschlichen. Ich war es ja, der diese Altbauwohnung im 3. Stock wollte und bildete mir ein, dass sein Augenzwinkern bei der Übergabe ein klares Zugeständnis war. - Ich rechne Golfo hoch an, dass er sich beim Treppauf und auch beim Runter kein einziges Mal beschwert hatte. Der Tapfere. - Mein Hund eben.

Wegen des „pfeifenden” ICE zog es ihn also auf dem Gehsteig gleich nach links. Der Wind war am Rütteln, der Himmel heulte tränenreich. Meine mäusekleinen Augen musterten, was sich beim Thai-Restaurant tat. Ach, die Küchenhilfe (rotes Cappy) wurde heute mal zum Fensterputzen des Lieferwagens abgestellt. Die erste Begegnung am Morgen mit einer der Beinahe-Mindestlohn-Belohnten in diesem, unserem Viel-Job-Land - in diesem, meinem Viertel.    

Sie wienerte behende und ohne Murren - und ich schlussfolgerte daraus natürlich prompt, dass sie ganz sicher auch freudig Kartoffeln schält und wischt. Personalnot also nicht nur beim FC Dunkel. Wer kann da von „profitabel” reden? Ja, so etwas schafft nur der Staat selbst. Neulich bog ich mich noch vor Lachen, als mir folgender Spruch einfiel: „Arm durch Arbeit wird man - Arm ohne Arbeit bleibt man!” Es erstarb, wie es gekommen. Das nur am Rande.  

Direkt gegenüber die Eingangstür zur Schuhreparatur-Werkstatt. Der Chef ist arm dran. Es ist ganz egal, wann ich komme - er wartet immer auf Kundschaft. Das Warten machte ihn aber, so schien es mir, bisher nicht unfreundlicher. Ich ließ mich auf meinen Gedankenfluss ein und überlegte, während Golfo den Ampelbaum bewässerte, was sich überhaupt an unseren heutigen „Tritttchen” noch besohlen lässt.

Ich habe mich da bisher nicht schlau gemacht, aber ich hegte eigentlich immer starke Zweifel, dass sich in punkto Material heute noch etwas zurechtschustern lässt, wo die Materialbestimmung äußerst schwierig zu sein scheint. Was ist Leder, was ist Gummi? - Ich meine: was innerhalb der Sohle schlummert, weiß man nicht. Oben Leder, darunter Pappe, Schredderkram oder Geleimt-Recyceltes? Auf jeden Fall ergibt es eine Schicht.  

Wird die Erneuerung geklebt, ge- und verspannt oder gar ekelhaft gestreckt - überhaupt nicht mehr zart genagelt oder genäht? Vielleicht unter Dampf verbügelt? Auf jeden Fall gibt es zwei Schichten. Die Unterschicht wird abgelatscht und die Oberschicht beginnt nach kurzer Laufzeit einseitig zu stinken. Mir schwant, dass sie nur verklebt sein können, denn Oberschichten brauchen die Unterste doch SO, wie jobsichernde Angestellte eben diejenigen „Krauter” benötigen, die in Krisenzeiten als Mob herhalten müssen.   

Nun ist es früh am Morgen. Wieder mal. Golfo ist reismatt, da Hühnchen als Beilage auch gestrichen wurde. Da sich in anderen Breitengraden die Bevölkerung ganzer Landstriche damit recht gut auf den Beinen hält, hat auch Golfo immer noch den Durchblick behalten können und endlich etwas im Magen. Aufatmen trotz totaler Übermüdung. Ich schreibe - er döst und grunzt ab und an vor sich hin.

Die Zeitung von gestern, das Altpapier also, bleibt noch in der Küche. Sicher ist sicher. An wen lassen sich Stoßgebete senden, wenn man an Magie glaubt? Auch ein irrer Spruch muss mal erlaubt sein. Das Schlimmste: Kein Schwein ruft mich an - keine Sau interess……! Gerade zu Krisenzeiten.

Keine weichen Augen, die mich auch in den Schlaf holen. Kein Streicheln und Flüstern. Regentage eben. Heute will ich von Positiv-Verrückten träumen - von Positiv-Versessenen in diesem, unserem Land! Oder ich träume von Golfo. Soll es nur weiter regnen und winden, „gießen und schütten” oder pladdern und nieseln. Die Sonne ist da.

Bevor ich wegnicke: „Dieses Land, das sind wir!” Ich sage da ja nichts Neues. - Schade nur, dass wir so erbärmlich schweigen „gelernt” haben.   

© Mondreiter

SÜSS oder BITTER ???

Deutschzucker 

Warum treibt sich der Deutsche am liebsten in der Wohnung, im Garten, auf dem Balkon und im Ausland herum?

Antwort: Dann hat er immer eine Ausrede parat, warum er nicht „auf die Straße geht”.

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Warum gehen denn unsere europäischen Nachbarn so gern auf die Straße?

Antwort: Sie wissen genau, dass man sich „im gleichen Boot” auch woanders in die Riemen legen kann.

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Warum zeigt der Deutsche nicht offen seine Wut, obwohl er viele der „Hohen Herren” am liebsten in die Wüste schicken würde?

Antwort: Er weiß doch selbst, wie unerträglich heiß es dort ist.

© Mondreiter

Zeiten der Annäherung

E r z ä h l u n g

(Noch unbearbeitete Fassung)

 

„Was wäre, wenn”…..

Vielleicht ist es so, vielleicht suchen wir…..

manchmal auch danach, einem einzigartigen Moment, diesem Augenblick, auch absurdes Gedankenspiel zu schenken und anzuhängen…..etwas Widersinniges auf uns einströmen zu lassen, um mit einer anderen Bandbreite „spielen” zu können. Wohl wissend, dass sich auch die Firlefanzerei ausbreitet - und Bereicherung, Rausch, Erfüllung….und sicher auch Gleichklang…..ohnehin gefunden waren.

Für Anna

                                                              *

„Du bist ja total verrückt”, hatte sie manchmal scherzhaft gesagt und es lag auch etwas von Bewunderung darin. Dann war er aus sich herausgegangen und hatte ein Späßchen verloren. Seine Zauberformel hieß ironisierende Theatralik und ist wie ein weites Feld.  Andrea war wie eine hackfreudige Glucke, die immer akribisch darum bemüht war, alles exzellent abzuschirmen. Sie hatte einen reißfesten Schleier fallen lassen, ließ ihn um sich herumtanzen, weil es unter diesem Dach oft hoch herging.

Ihr Mienenspiel war wie gemacht für das Auslegen von falschen Fährten. Es kam aber vor, dass ein sorgsam gehütetes Lächeln ausbüchste und ein klitzekleines, verräterisches Wangengrübchen in die Welt setzte. Kaum auffindbar, wie ein einsames Blümchen im Herbst - und diesem „total verrückten” Wind dankbar, weil er die Laubdecke hoch wirbelte, so munter machend über das Gesicht strich und wie ein Magier vielstimmiges Flüstern entfachte.   

Björn versuchte weiter, in ihr lesen zu können - und ihr davon vorzulesen. Wenn sie umhergingen, waren sie völlig mit sich selbst beschäftigt, unterhielten sich leise oder auch lauter und liefen oft nur wenige Schritte nebeneinander her, weil einer von ihnen stehen geblieben war und etwas betrachtete oder nicht wahrnahm, dass sie sich schon etliche Schritte voneinander entfernt hatten. - All das hatte nichts mit alberner Spielerei zu tun, nichts war forciert, alles ergab sich eher so, als wenn Spielfreude und Kinderlachen zusammen aufstehen. Die Passanten waren Luft, eine Brise reiner Frühlingsfrische ging um und Osterglocken träumten unbeeindruckt vor sich hin.

Er beschäftigte sich nicht mit der Frage, wann sie etwas mehr über sich erzählen würde. Ihm genügte der locker und baumelnd gezogene Draht zu ihr vorerst völlig. Manchmal glaubte er zu spüren, dass hinter dieser Stirn etwas in Bewegung gekommen war, leise pulsierend und zart klopfend. Beruhigend und angenehm ablenkend, wie es leises Summen schöner Melodien erreichen kann - und dann doch wieder so bewegungsreich, als würde es hin und herschwenken, wie der Klöppel einer uralten Lokomotive taktfest auf die Warnglocke trifft, hell und wachrüttelnd, vehement niedersausend, wie ein Schmied heißem Eisen einen Schliff einbläut.

Andrea war verschlossen. So, wie ein Buch verschlossen sein muss, das von anderer Hand zugeschlagen wurde. Also nicht nachdenklich und zögerlich, weil das soeben Gelesene verinnerlicht und behütet werden soll, sich alles erst entfalten muss - es deshalb mit bedächtig leichter Hand geschlossen und wie gedankenverloren, langsam zur Seite gelegt wird.  - Nein, es geschah Knall auf Fall, mit der ganzen Kraft einer entschlossen fortfegenden Hand, was Kinderjahre verbrennt und Träume verschüttet - wie von einer schweren Steinplatte zugedeckt wird. Sie ahnte sich eingesperrt, lange bevor sie sich einzuschließen begann.

Der erste Eindruck von ihr war deshalb immer diese mit Glanz überzogene, farbsatte Aufnahme einer jungen, zierlichen Frau, deren erfrischend hoch schäumende Quirligkeit einen zugezogenen Himmel postwendend um den Finger wickeln und aufreißen kann. Ihre Ausstrahlung war immer auch ein Schutzschild, hinter dem sie Furcht und Hilflosigkeit wie eingewecktes Obst oder selten Benötigtes in einem fernen Regal verschwinden lassen konnte. Es kam ihm so vor, als wäre ein Authentizität versprechendes Ganzes dieses Bildes nie entdeckt worden.  

„Willst du mir etwa fliehen”, hatte Björn gemeint, als sie aufstand und sich hastig verabschieden wollte. „Wir werden uns schon wieder sehen, nun sei mal nicht bange”, hatte sie ihm zurückgeworfen. Björn schenkte ihr dafür einen Blick, der gespielte Überraschung verraten sollte, von ihr aber mit einem Lächeln quittiert wurde, ehe sie anfügte: „Verrückte verlaufen sich nie - das müsstest du doch wissen!” - „Aha, ängstlich bin ich also”, brachte er noch über die Lippen und während er leise lachte, brachten sie noch einen Blickwechsel zustande. Es war ein Mustern, das fein über das Gesicht weht - womit beide auch zufrieden blieben, weil es keine verquälten Augen zu verzärteln gab. Dann gingen sie - und vor dem Cafe trennten sich ihre Wege.

                                                              *

Das war vor drei Monaten und es herrschte eine rauschende Funkstille zwischen ihnen. Björn gab die Distanz zu ihr keine Fragen auf. Nichts hastete in ihm herum wie beharrlich pochendes Fernweh oder wie eine sehnsuchtsvolle Musik, die sich berauschend - ja, wild wirbelnd austobt. Keine Ungewissheit begann zu stöbern und die Tage flossen lautlos vorbei - wie es ein verzaubertes Wasser vermag. Der Tag, an dem er Andrea wieder sehen sollte, ließ lange auf sich warten.  

Dann war es aber soweit: Dieser siebzehnte heiße Sommertag in Folge, kam warm aus den Federn und fuhr heiß übers Land. Die Schwüle hatte ein kurzes Nickerchen hinter sich, nistete sich ein wie der Tau im Katzenfell und hängte sich wie Immerfeuchtes an ein heißes Laken. - Björn hatte frühmorgens  in der Bäckerei anstehen müssen. Die junge Dame vor ihm kramte ihr Schultertäschchen durch, als sich der Duft frischen Backwerks plötzlich mit einer zart erobernden Note von Eau de Toilette mischte - wie von sanft schwingender Hand wie eine flüchtige Berührung versprüht, sich wie Lippenstreicheln verflüchtigend.    

Zwei Kunden jammerten über strafende Launen des Wetters, während draußen die wild tollende Sommermode kirre lachend in lebenslustige Träume sprang. -  Ein Junge schaute zu ihm auf, die betont schief sitzende, blaue Schirmmütze leicht ins Gesicht gezogen. Büschel blonder Haarspitzen drängten überall wie windzerzaust darunter hervor. Björn nickte ihm zu, verdrehte dann ordentlich die Augen und flüsterte ihm leise zu: „Die haben Sorgen, was?” - „Hm, ja”, meinte er gelassen schmunzelnd und seine Horde der Sommersprossen lebte in der Regung auf.  

Seine Vorstellung, dass es ein Desinteresse des Windes gegeben haben könnte, was diesem nicht erlaubte hatte, hier zu bleiben und die Schwüle einzulullen - oder dass er einer magischen Hand begegnet und von ihr ganz weit raus geleitet worden war - vielleicht nur, um die Melodie eines Sommerreigens in unser ständiges Wachliegen  schlüpfen zu lassen, die Harmonie des Tanzes nicht zu stören, um sie einzigartig berauschend fühlen zu können, fand er sehr reizvoll.

Manchmal entwickelte sich gegen Abend am Himmel eine kurze, hitzige Debatte mit sanfter Rangelei. Oft war es nur eine unscheinbar herumgeisternde Schleierwolke, die sich in leise grollenden Donner eingebettet hatte. Nichts Furioses schwang mit, keine verwegen initiierte Drohgebärde - was auf ein Scharmützel oder den Beginn eines leidenschaftlichen Musikstückes hätte schließen können. Nur dieses Grollen brodelte kurz auf, als wenn sich eine rabenschwarze Rauchglocke in einem Blau suhlt und aufquellt,  sich brodelnd aufplustert - wie donnernde Hufe, die in der Ferne das Zittern in den Boden hämmern. - Alles zog gemächlich weiter und übte sich in Geduld.

Wie es auch in dem genüsslichen Blick dieser älteren Dame lag, den er gespannt begleitete, der auf die Baumwipfel der alten Kastanien vor dem Eissalon gerichtet war, die sich zwischen den Gehsteigen und der Straße aneinander schmiegen - in dieser Allee alle miteinander so etwas wie einen Hauch von Unsterblichkeit einatmen können. Sie träumen, wovon jeder Baum erfüllt ist, nämlich nah bei seinen Wurzeln zu bleiben. Ein leichter Luftzug spielte in den Kronen mit den großen Blättern. Viel zu sanft, um die Zweige anzustoßen, aber wie langsam taub streichelnd und langes, loses Haar necken zu können. - Sie war noch immer imstande, wie ein Mädchen zu lächeln.             

Noch ehe er dem mäßigen Treiben in der Seitenstraße aufmerksam folgen konnte, gab sich seine Vorstellung, dass eine derartig hohe Luftfeuchte doch irgendwann einmal Gestalt annehmen müsste, einem feinsinnigen Schmunzeln hin. Dann, an der nächsten Abbiegung, lief ihm Andrea beinahe in die Arme. Er hatte sich von einem Schattenstreifen auf der anderen Straßenseite anlocken lassen und glaubte, die heiß schwalkende Luft auf Schultern zu tragen, mit der sich die Hauswände hier reichlich bewarfen.

„Hallo, schöne Frau, wohin des Weges”, warf er ihr zu und war außer sich vor Freude. „Björn - oh Mann, das ist schön dich zu sehen. Was machst du?” - „Im Moment freue ich mich, dass du dich freust”, meinte er erleichtert, weil sich seine Vorstellung ihres Wiedersehens erfüllt hatte. Sie zappelte herum: „Nicht böse sein, aber ich muss schnell Laura aus dem Kindergarten holen. - Sag, wollen wir uns abends sehen?” Sie verabredeten sich und jeder winkte dem anderen mit erhobener Hand hinterher. Gerade so, als würden sich schwankende Spiegel die tollsten Bilder hin und her werfen, während sich immer mehr Wasser zwischen Schiff und Kaimauer drängelt und ein lautes Tuten aufbricht.

                                                              * 

Unter dem Lindenbaum mit den sich leicht wiegenden Blättern, direkt vor der Schulter hohen Hecke, in deren Kleid das gelbmatte Licht der nahen Straßenlaterne mit den wankenden Blätterschatten lag und sich wie ein gefleckter Seidenschal gelbbraun ergoss, hingen ihre Blicke an diesem Werk eines unbekannten Künstlers. - Andrea nannte das rechteckig hohe Fenster „ Meine Bildbänder”, weil der aufgesetzte, mehrfarbige Zweitrahmen ihr eine Tür vorzugeben schien, eigene Träume zu entdecken. Die Einfassung  war breiter und die Außenränder verjüngten sich, sehr schwungvoll fließend, um dann wieder in die Breite zu greifen. Das Reizvolle lag in den mehrfarbig aufgemalten, geschwungenen Linien. Wie verschieden breite Bänder umkreisten sie das Rechteck, als wollten sie es umgarnen.

Er genoss es, ihr über die Schulter zu schauen. Dabei musterte er kurz ihren Hals, der so wohlgeformt und zart war wie das Ohr, das von den zurückgekämmten Haaren nicht berührt wurde und dessen Läppchen samtweich und wie fein geschliffen schien. Sie trat zurück und lehnte sich nur unmerklich bei ihm an. „Wie fühlst du dich”, fragte er leise und ihre Antwort bescherte ihm einen trockenen Hals: „Leicht”, sagte sie, „frei - und irgendwie beschwingt.” Er hatte sich umgedreht und es kam ihm so vor, als hätte die Laterne wie eine unruhige Kerzenflamme ganz leicht zu schwanken begonnen und dem Lichtkreis die Ruhe gestohlen.

Sie ging auf die Linde zu und drehte sich plötzlich mehrmals, wie beschwipst und völlig losgelöst, mit ausgebreiteten Armen im Licht der Laterne und Björn kam heran. Plötzlich hob sie die Klappe einer alten Streugutkiste an, ließ sie aber abrupt wieder zufallen und sah ihn mit verstörten Augen an: „Oh nein, Björn - da liegt einer drin!” - „Was ist los”, rief er aufgeregt, „mach keinen Ärger!” Er stellte den Deckel ganz auf und schaute hinein - dann schloss er sie langsam. „Du bist ja total verrückt, mir so einen Schreck einzujagen - die Kiste ist leer!” Sie war schon wieder losgegangen, drehte sich kurz um und meinte mit genüsslichen Grinsen: „Tja, es wurde ja auch Zeit, endlich mit dir gleichzuziehen!”

Rückwärts gehend bewegte sie sich recht sicher vor ihm her, schaute ihn kurz an und setzte ein breites Grinsen auf. „So, nun werde ich dich aber nicht mehr erschrecken. Wir müssen vorsichtig sein. In deinem Alter kann das gefährlich werden!” - „Hm, das hätte durchaus von mir sein können!” Sie setzte nach: „Allerdings traue ich dir zu, dass du selbst in einer so belämmerten Situation noch gestöhnt hättest, dass dir das Ganze eine Herzensangelegenheit war!” - „Das hätte so kommen können, du kommst dem Punkt sehr nahe”, erwiderte er belustigt und strich mit dem Mittelfinger leicht über ihre Wange, als wollte er ein Häkchen in den Sand malen.  

Am Rande der Eisenbahn-Unterführung sahen sie eine Frau mittleren Alters auf der Parkbanklehne sitzen, die ihrem Hund, einem quirligen Mischling mittlerer Größe einen Stock auf den Rasen warf. Er schien total auf sie fixiert und bellte mehrmals, um Aufmerksamkeit zu erregen. Sie fotografierte mit dem Handy in Richtung der Brücke, unterbrach es kurz und sah zu ihnen herüber. Auch der Hund wurde aufmerksam, rührte sich aber nicht vom Fleck. - „Ein drolliger Bursche”, meinte er. - Sie passierten die Unterführung und liefen, herzhaft lachend und scherzend, gar nicht einträchtig nebeneinander her. In der Straßenbiegung näherte sich ihnen ein jüngerer Mann. Er war stehen geblieben und schaute einer Rangierlokomotive nach, die langsam davonfuhr. - Wenig später lief eine sich duckende, fette Katze stracks auf einen windschiefen Schuppen zu.

Weiter unten, wo sich die Straße gabelt, ging lautes Lachen und ungestümes      Jauchzen um. Angeregte Stimmen mischten sich darunter und immer wieder auch das schrille Gebimmel einer Fahrradglocke. Neugierig gingen sie auf das Geräuschknäuel zu und sahen etliche Zaungäste dieser Szenerie, die stumm hinter geöffneten Fenstern standen. Ein junges Mädchen, vielleicht Fünfzehn, kurvte mit einem alten, aber gepflegten Damenfahrrad pausenlos um zwei Laternen herum, betätigte immer wieder die chromblitzende Klingel und ihre Runden malten ein Oval oder aber eine Acht auf die Gehwegplatten. Wenn sie nicht in die Pedale trat, hielt sie sich locker am schwungvoll gebogenen Lenker fest, lehnte sich weit zurück und streckte die Beine, die immer herumzappeln mussten, weit nach vorn aus. Auf den Gehsteigen gingen langsam einige Passanten vorüber, die sichtlich ihren Spaß hatten. Sie lachten leise oder fanden dafür ein anerkennendes Kopfschütteln. Andere waren leicht irritiert und schlenderten nach einem scheuen Blick weiter die Straße hinunter.

Aus einem Fenster im ersten Stock schaute eine ältere Dame und antwortete dem fragenden Blick eines zu ihr hinaufsehenden Mannes: „Sie ist, wie sie ist - daran werde ich auch nichts ändern wollen!” Der Freund des Mädchens hockte auf einer Treppenstufe am Hauseingang. Es schien, als sei ihm ihre Lebenslust bestens bekannt. Er lächelte ausgiebig und nickte zustimmend. „Dass du mir aber das Fahrrad heil lässt, hörst du?” - „Schon klar”, rief sie und ihr Lachen riss dabei so zögerlich ab wie sich ein Apfel vom Zweig macht, „aber es ist einfach nur urig und lustig, damit rumzugondeln!”!           

Björn hatte sich kurz umgedreht und flüsterte Andrea ins Ohr: „Weißt du, wer auch gerade hier stehen geblieben ist?” Sie schüttelte nur kurz den Kopf. „Die Frau mit ihrem Hund - und auch der junge Mann ist da, der an der Unterführung gestanden hatte.” - Kaum hatte er ausgesprochen, als der Hund nicht übel Lust bekam, hinter dem Fahrrad herzulaufen. In seinem leichten Knurren lauerte die Freude wie ein Riesenknochen und als er zweimal gebellt hatte, gab er noch ein extrem lang gezogenes Fiepen zum Besten.  

Andrea war aus dem Häuschen. „Schau dir diese Lebenslust an. Das nicht einfach nur fantastisch?” - „Du hast doch auch so viel davon. Du musst nur lernen, sie mitzunehmen und zu zeigen. - Man kann das wirklich!” Dann lag plötzlich ihre Hand an seinem Oberarm. Björn schaute sie lange an, ließ einen herzhaften Kuss auf ihrer Wange zurück und hätte am liebsten in ihrem weichen Lächeln gebadet.

                                                          *  *  *

Malin war sich sicher: Natürlich, es war ein dummer Gedanke. Er hatte so laut, also hart bei ihr angeklopft, weil es sich um eine Frage handelte. Keine absurde, aber ein bisschen  seltsam war sie schon. Mein Gott, es war nun mal so, dass es auch ihr nicht gelungen war, sich darauf keine Antwort zu geben. Die Frage lautete, wo sie sich in den letzten Monaten wirklich am sichersten gefühlt hätte. Sicherlich hinter irgendeinem Schrank oder im Dunkel irgendeiner ruhigen Ecke; oder dort, am Ende der Treppe.

Sie ging selten aus dem Haus und wenn sie sprach, dann keinesfalls über sich - und immer nur mit wenigen Worten. Sie war Vierundvierzig und stellte die Post zu. Ihr sollte nie viel zu Ohren kommen, sie erledigte ihre Arbeit zuverlässig und es gab niemanden, der ihr etwas Schlechtes nachsagte. Sie glich einem flitzenden Schatten, der irgendwie flüchtig war.    

Aus welchen Ländern ihr Vorname hierher gekommen ist, dazu gab es von ihr ein Achselzucken, aber nicht mehr. Obwohl es schon vorgekommen war, dass eine kurze Auskunft wie eine Verlockung auf ihren festen Lippen gelegen hatte. „Es ist eine Kurzform von Magdalena” - mehr erfuhr niemand. Jedes weitere Wort wäre ihr wie das vorschnelle Öffnen einer Tür vorgekommen.  Sie hätte ohnehin auf nichts antworten wollen - oder besser: Sie war dazu einfach nicht in der Lage. - Nein, sie hielt sich nicht für etwas Besonderes; aber das muss noch nicht viel heißen.

Man sollte annehmen, dass sie die wahren Entdecker liebt - und irgendwie war das wohl auch so. Diese wagemutigen Männer, die es verstehen über den Horizont hinaus einen schroffen, kahlen Landstrich zu erkunden und nicht aufhören zu fahnden, bevor sie Gewissheit haben: Ja, es gibt etwas, das dieser Landschaft, eben wie ein gewisses, anderes Licht einen berauschenden Charme verleiht. Diese Erkenntnis hätte ihr dann gern auch als Leuchtschrift am Himmel erscheinen können. Es wäre ihr nahe gegangen und er wäre vertrauter geworden. - Aber es lag eben dieser tiefe, schwarze Schatten einer Wolke über dem Land, der sie begleitete, der hin und herwanderte - und sich erst nicht auflösen wollte.            

Malin war hypersensibel, aber nicht von Natur aus, dazu distanziert und so verdammt verdutzt stumm wie eine Maus in der Enge. Obwohl alle Fotos von ihr davon zu plappern schienen, dass positive Merkmale wahnsinnig viele Umschreibungen haben. Augenfällig war das blonde, struppig und burschikos lachende Kurzhaar, das ein federweiches Gesicht umwehte. - Nichts deutete darauf hin, dass sie besonders ängstlich war. Aber das war sie - und dazu noch schreckhaft wie ein verquälter Hund. Oskar, ein robustes, kurzhaarig nussbraunes Kerlchen war aber ganz anders; eher klein, aber sicher schussfest und frech wie ein Dachs. Im Spiel aber hochlebendig und aufmüpfig. Wo immer das stattfand, war ihm egal. Entweder allein draußen - oder mit ihr, knielings robbend, in der Wohnung.

Herbert sorgte für ihren Absturz. Er war charmant und berechnend, tauchte wie ein schillernder Eisvogel auf. Sehr schnell ernannte er sich zum einzigen Kontrollorgan und  breitete sich aus wie ein tückischer Flächenbrand. Trotzdem resignierte sie sehr spät; als gar nichts mehr ging. - Am Strand ihrer Hoffnungen war er der Hüter eines eigennützigen Feuers. Hoch lodernde Flammen knabberten sich langsam an den mit Versprechungen getränkten Kloben satt. Später merkte sie, dass alles von ihrem Rüstzeug abgespalten war.         

Ihr Schiff war dann gekentert, obwohl das offene Meer noch weit war. Ihren freien Fall hatte sie mal mit einem verwunschenen Brunnen verglichen, in dem man ganz nach unten kommen muss, um die Ringe sehen zu können, die ein fallender Stein ins Wasser zeichnet. Die Leere hatte sie ganz ausgefüllt, das Schweigen lauerte in allen Räumen und Trostlosigkeit kannte alle Spiegel und Fenster. Wäre Oskar nicht gewesen, hätten ihre vielen leisen Schritte durch die stillen Zimmer, diese endlosen Schweigemärsche mit den vielen, bedächtigen Handbewegungen und dem sich oft wiederholenden Berühren vertrauter Gegenstände noch mehr Spuren auf dem Boden hinterlassen. - Nun war sie endlich wieder aufgetaucht. Nein, es wurde nicht „langsam Zeit”, als es der Fall war; sie war aber erleichtert.

Die Laufwege zwischen Küche und Wohn-Schlafzimmer ergaben, wie sie es sogar zu Papier brachte, die Form eines Luftballons mit einem langen Band. Das Gefühl, nach langer Zeit selbst an etwas Schräges gedacht zu haben, was für sie gleichzeitig wahnsinnig komisch war, ließ sie spontan bei ihrer Mutter anrufen. Sie hatten so sehr darüber lachen müssen, aber es meldete sich auch ein Angstgefühl. Sie hatte das Gefühl, dass sich unter das Lachen noch eine andere Stimme gemischt hatte; nämlich eine, die sie auslachte. Malin überstürzte nichts und kam langsam gut voran. Die kleinen Dinge erschienen ihr in einem völlig neuen Licht. Diese anderen Blicke kannte sie vorher nicht. Sie war noch sprachlos, aber neugierig allemal. - Und nun, an diesem schwülen Sommerabend, sollte dieser Ballon endlich fliegen lernen.

Ihr erster langer Abendspaziergang lag beinahe hinter ihnen, als sie endlich am stählernen Koloss, der Unterführung, eintrafen. Oskar hatte auf dem breiten Weg entlang der Bahnlinie seine Kraft verplempert und mobilisierte hier die letzten Ausdauerreserven. Das „Such-das-Stöckchen-Spiel” kam jetzt einer lästigen Pflichtübung gleich. Malin saß auf der Banklehne und fotografierte zur Bahnlinie hin, weil die letzte Linde am Bahndamm das mattgelbe Laternenlicht stark beschnitt. Sie liebte kontrastreiche Fotos mit intensivem Licht-Schattenspiel über alles. Hier sorgte der Halbschatten für märchenhaft blasse Farben und weich gezeichnete Umrisse.

Oskar verharrte plötzlich und schaute zur anderen Straßenseite hin. Ein Paar kam näher, das sich von den meisten abhob. Er war ihr altersmäßig ziemlich überlegen, aber das war es nicht, was ihre Aufmerksamkeit weckte. Nein, es war so ganz anders. Sie scherzten und unterhielten sich, gestikulierten und liefen wie planlos umeinander herum, dass es einfach Spaß machte, sie mit Blicken einzufangen. Kurz darauf nahm sie aber der Brückenschatten schon völlig auf.

Sie waren gerade dabei, in die gleiche Richtung aufbrechen, als sich ihnen ein junger Mann näherte, dann jedoch stehen blieb und aufmerksam die ziemlich alten, verzierten Pfeiler der Unterführung betrachtete, die Fahrbahn und Gehsteig voneinander trennen. Da sie ihn noch nie gesehen hatte, trotteten sie grußlos an ihm vorbei. Er ließ die grellfarbigen Wandmalereien auf sich wirken und versuchte den Hund zu locken. Oskar war aber schachmatt, obwohl das Schwanzwedeln noch gut klappte.

An der Straßenecke ging es hoch her. Ein Mädchen umkurvte mit einem alten Damenfahrrad zwei Laternen und war sehr flott und geschickt unterwegs. Das Paar, das sie schon von ihrer Bank aus beobachtet hatte, war stehen geblieben. Sie schienen sich köstlich über diese Szenen zu amüsieren. Malin blieb nahe der Hauswand stehen und hielt den hibbeligen Oskar kurz an der Leine. Dieses Rad hatte es ihr sofort angetan. Die Chromteile und der tadellose, weinrote Lack: Alles strahlte und funkelte unter dem Licht. Sie fand es schade, dass alle Passanten langsam weitergingen. Ihre Mienen verrieten ihr zwar, dass es ihnen gefiel, was sie da sahen, aber sie hätte sich schon gewünscht, dass man einer solchen Einlage mehr lebendige Neugier entgegenbringt.

Die Ungezwungenheit des Mädchens schien heller als das Licht; was für eine Ausstrahlung, was für ein Lachen. Plötzlich hörte sie Schritte und drehte sich instinktiv schnell um. Derartige Situationen hatten ihr zuletzt immer ungute Gefühle mitgebracht. Sie wunderte sich etwas, denn nun schaute auch der Graffiti-Bewunderer zu - und der ältere Mann blickte kurz auf sie zurück. - Obwohl es doch etwas turbulent und lauter zuging, war ihr so, als wäre eine große Ruhe stehen geblieben.

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Zunächst wollte er es einfach nicht wahrhaben, dass sich jemand unvermittelt an diesem roten, so endgültig zugreifenden Nothalt-Griff zu schaffen gemacht hatte. Sein Zug war absolut zuverlässig, immer gut in Schuss gewesen und erhaben pünktlich obendrein. Doch der Chef hatte anders entschieden. Er sah einfach dieses Haar in der Suppe nicht, aber der und neue Abteilungsleiter war gefunden. Fünfundzwanzig Jahre war er alt, vier Jahre jünger als er selbst, aber er besaß sicher noch seinen Wurmfortsatz.    

„Sehen Sie, Herr Nagel, betrachten Sie es für sich am besten so, dass sich doch eigentlich gar nichts verändert hat. Sie werden, da bin ich mir sicher, ihre Position auch weiterhin….!” - Matthias hatte ihn unterbrochen und sich erhoben: „Es ist passiert, aber es hat sich nichts verändert. Sie haben mich überzeugt!” Er bediente sich beim abschließenden Handschlag demonstrativ einer zu klaren, optimistischen Körperhaltung und meinte mit unverbindlichem Lächeln: „Ich möchte Ihnen aber für dieses Gespräch danken!” Dem Klopfen auf die Schulter, das auf dem Weg zur Vorzimmer-Tür auf ihn zukam, ließ er ein leichtes, vielleicht unvorsichtiges Räuspern folgen. 

Während der Mittagspause ging er in die Stadt und rief seinen besten Freund Hartmut an das Handy. „Jetzt hat es mich erwischt”, eröffnete er das Gespräch. „Wieso erwischt, Matti”, meinte dieser gutgelaunt, „hast du dir dein blindes Stückchen Fortsatz etwa wieder einsetzen lassen?” - „Das war jetzt nicht sehr witzig”, erwiderte er und schilderte ihm, was vorgefallen war. „Ja, nun - ach, Junge, nimm es nicht schwerer hin, als es ist. Eigentlich ist doch nicht viel passiert!” Matthias rang sich zu einem Lachen durch, das er sich von Sylvia abgesehen hatte und immer dann umging, wenn sie ihn aufforderte, den vollen Mülleimer-Beutel nach unten zu bringen. Da er gewöhnlich aber nur den Deckel anhob, mit beiden Händen den Beutel nach oben zog - so, als würde er einen Kartoffelsack lüften wollen, damit sich die Erdäpfel im Behältnis besser setzen - hört er eben dieses verquälte Lachen. Allerdings war ihm nun völlig klar, welches Gefühl sich für sie dahinter versteckte. „Weißt du übrigens, dass du schon der Zweite bist, der mir klarmacht, dass sich gar nichts getan hat? Was soll ich Sylvia sagen? Ich bringe es nicht fertig, sie jetzt anrufen,” - Als er auf den Fahrstuhl wartete, dachte er an sie und hörte ganz deutlich, wie sie, fabelhaft sächselnd, auf Selbstmitleid reagiert: „Nun zatsch man nicht rum, bist doch keine Zauche!”

Während der Heimfahrt fiel ihm ein, was Sylvie einmal gesagt hatte: „Das Erreichte kann manchmal mehr sein, als das Erhoffte!” Er wusste nur zu gut, dass er ihr gar nicht recht zugehört hatte. Es waren „schöne Worte”, weil auch alles in bester Ordnung war. - Er parkte das Auto ein und heute fiel ihm erstmals etwas auf. Er schaute sich um und die Straße hinauf und fragte sich, wem diese Fahrzeuge eigentlich gehören. Keinem konnte er ein Gesicht zuordnen. - Ja, sie wollten in „Anonymien” wohnen, ohne lästige Hauskontakte.

Später war Matthias dann endlich unten, aber er lief leise fluchend vor der Tür auf und ab, weil er sich ausgeschlossen hatte. Der Zweitschlüssel hing an diesem Schlüsselbund - und das steckte in ihrer Tasche. Und sie saß in diesem Zug; inzwischen aber sicher schon mit ihren Eltern friedlich auf der Terrasse, während er mit seinem explodierten Pflichtbewusstsein auf der Straße gelandet war.

Im Bistro besorgte er sich eine Zwischenmahlzeit, die er auf dem Rückweg verspeiste. Die Hauptstraße blühte auf und lebte, die Dämmerung atmete blaue Luft aus. Der Abend stärkte sich und verschenkte noch einen aufmunternden Kuss, der große und kleine Lichter eroberte. Die flackernden Tischkerzen vor Kneipen, Straßencafes und Bistros zeichneten die Gesichter der Gäste weich, wie es ein guter Geschichtenerzähler kann. Kinderlachen lief die Gehsteige entlang und aus der Nebenstraße war das halbherzige Bellen eines Hundes zu hören.

Dann waren seine Gedanken wieder bei Sylvie - und bei allem, was mit ihnen zu tun hatte und nur noch selten bei dem, was er morgens erfahren musste. Er war verletzt und ärgerlich, aber alles begann sich langsam zu lichten. So, als hätte sich ein Stock auf dem Wasser aus der Umklammerung von tief hängenden Zweigen befreien können und durfte nun ein Wellenbad nehmen. - Er hatte im Laufe der letzten Jahre viel von dem leichtfertig übergangen, was sie ihm zu verstehen geben wollte. Er sah sich immer wie der große Zampano, der alles in den Griff bekommen konnte. Da waren die Gespräche, die sie im Krankenhaus geführt hatten, aber auch seine fehlenden Antworten und die Gegenfragen. Dann meinte sie ausgleichend: „Es wäre schöner gewesen, wenn du hättest reden können - einfach nur reden!”

Matthias stand am Straßenrand und sah sich um. Ihm war nie aufgefallen, dass die schwarzgrauen Großpflastersteine, die im Regen tiefschwarz glänzend daliegen und nachts gelbe Fenster bekommen, dem ganzen Straßenbild einen still ruhenden Charme geben. Es sind leichte Fahrbahnabsenkungen vorhanden und oberflächlich ausgespülte, breite Fugen wirken aus der Nähe wie eckig abgeschliffene, freiliegende Zahnhälse. Wenn sich ein Auto annäherte, hörte man die Reifen grummeln und es schien, als würde eine Dose im Wasserbad mit dem Topf tanzen. - Aber die alte Eisenbahnbrücke gehört eben auch zu diesem Bild. Es kam oft vor, dass Eilzüge vor dem nahen Bahnhof halten mussten und dann kamen sie oft auf der Brücke zum Stillstand. Plötzlich schien es so, dass die Hausecken durch ein farbiges, breites Band - durch ein flaches Rolltor mit Fenstern verbunden waren. Bei Dunkelheit sah es immer wie ein beleuchteter Korridor mit großen Fenstern aus, belebt wie eine Restaurantfläche, auf der die Menschen wie Schemen hin und herhuschen - vorbei an reglosen Oberkörpern der sitzenden Gäste.

Nun stand er vor der Unterführung und sah das kraftstrotzende, gelbe Ungetüm näher kommen. Es war eine klobige Rangierlok mit uninteressant eckigem Führerhaus in der Mitte und zwei rechteckigen, kantigen Blechaufbauten, unter denen die Motoren arbeiten.  Er hatte sich so davon vereinnahmen lassen, dass er beinahe ein Paar übersehen hätte, das aus der Senke gekommen war. Sie lachten und brachten Harmonie, auch einen Anflug von frischer Zweisamkeit mit, das ihn wieder an Sylvie denken ließ. - Eine alte Lampe mit emailliertem Schirm, die den Gehweg mäßig ausleuchtete, brachte ihm ein Bild von alten Werkstätten zurück, über deren Arbeitsbänke eben solche einfachen Leuchten angebracht waren. Die gekachelte Stützwand war übersät mit impressionablen Schriftzügen und Bildern nachtaktiver Farbkünstler, die ihm sehr gefielen. - Eine Frau „um die Vierzig” ging langsam vorbei. Ihr Hund trottete im Windschatten hinterher, machte aber einen gutgelaunten, zufriedenen Eindruck. Sie waren gerade verschwunden, als auch Matthias kehrt machte.

Als er um die Hausecke kam sah er endlich, woher dieses ansteckende Lachen gekommen war. Das Frauchen drehte sich kurz zu ihm um und der Hund wusste noch nicht so recht, ob er seinen herausfordernden Handbewegungen folgen sollte. Das Paar „von vorhin” stand ebenfalls hier; dicht beieinander. Der Junge auf der Treppe ließ nicht davon ab, dem jauchzenden Mädchen auf dem Fahrrad, das so unnachahmlich ihre lockeren Runden drehte, zuzuschauen. Er verriet ihm mit all seinen Bewegungen, vor allem aber mit dem stillen Genießen ihrer Lebensfreude, was er an ihr mochte. Er störte ihre Kreise nicht, sondern ließ sie in vollen Zügen genießen.

Als er etwas beiseite getreten war, konnte er die gegenüberliegende Straße gut einsehen. Die Ungeduld breitete sich aus, als er sah, dass in ihrer Wohnung schon das Licht brannte. - Er brach sofort auf und in seinen Schritten lag etwas vom Ticken einer Uhr; ruhige Töne und unendliches Gleichmaß, aber vielleicht auch eine Vermutung. Lief er vielleicht nur deshalb nicht sofort los, weil sie dann seine Schritte hätte deuten können?

                                                          *  *  *

Schließlich war da noch dieser ohrenbetäubende, knisternd berstende Donnerschlag, der alle völlig überraschte und zusammenzucken ließ. Unmittelbar darauf fegte eine gewaltige Sturmböe heran, als hätte sie jenseits der Bahnlinie auf der Lauer gelegen und obendrein auch noch frech gegrinst. - Die Kuppeln der Laternen schepperten, irgendwo fiel eine leere Mülltonne um und lange, dickbäuchig braune Staubwolken jagten vorbei; durch diese lange Sackgasse. Fette Regentropfen warfen die ersten dunklen Kleckse auf das Pflaster, im Nu war der Himmel elektrisch und Wasserfäden türmten Sichtwälle auf.

Wenig später liefen alle auseinander. So schnell, wie Lachen verfliegt oder hinter einer Anhöhe zurückbleibt. Als hätten sie einer vorüber fliegenden Möwe hinterher geschaut, die mitten im Schrei innehielt, wie ein Stein abtauchte und jenseits der Dünen, dicht über dem Wasser, noch einen Schrei ausstieß, der ungehört verging.

© Mondreiter