Ein stinknormaler Blitz darf auch nicht mehr das sein, was er früher mal war. Er lässt zwar immer noch den gleichen Dampf ab und schert sich einen Dreck um Sonn- oder Feiertage, um Standort, Wert und Beschaffenheit der Orte, die er heimsuchen will: Aber sein ehemals schnurstracks vorgetragener Zündeltrieb wird immer häufiger abgewehrt, bewahrend umgeleitet, ableitend fehlgeleitet. Fehl am Platz ist er immer.
Die geladenen Himmelsgeburten scheinen das nicht zu raffen - oder sie sind heute schon hochgradig verwirrt, wenn sie einer neuen Irritation in die Arme laufen. So kommt es natürlich vor, dass der exzellent Geladene beim Niederzucken auf Ziele trifft, die er nie und nimmer anvisiert hatte. Experten sprechen dann von kapriziösem Verhalten, von unschlüssigen Verhaltensmustern - auch von Zufällen. Ich merke dann immer an, dass es Zufälle gar nicht gibt. Davon will aber kaum jemand etwas wissen. - Sie lassen mit ihren dürftigen Deutungen aber wenigstens die Kirche im Dorf. Wahrscheinlich deshalb, weil Kirchen immer am besten bewehrt sind. Was sollen sie auch sonst sagen. - Der gemeine Blitz gehört zu uns wie der Feiertag, der Hurrikan und die Sonntag-Ausgehkleidung. - Wer schützt ihn eigentlich?
Als ich diese Gedanken gerade verhackstückt hatte, stand ich mit Golfo schon vor der Tür. Wer uns bemerkte, hätte sich nichts dabei denken können. Alles war in bester Ordnung. Der Feiertag begrüßte uns - ein Ausgeh- und Gammeltag, ein Besuchs- und Freudentag, ein Tag für die Familie. Hier die gute Laune, Unbeschwertheit, feierlich umwehte Gesichtsausdrücke - dann, hinter der nächsten Ecke, plötzlich der Verriegelt-Und-Verrammelt-Blick; manchmal auch eine ganze Gruppe Gebeutelter, die so geht, wie sie blickt - selten ohne Stock. Diese Leute sind versessen auf das Vermessen sich nähernder Passanten. Man kommt sich vor, als sei man beim Schlechte-Gedanken-Auftrieb in Obergrimmlingen.
Golfo hatte plötzlich seinen Spieltrieb wieder gefunden und stürzte sich wie ein Zinshahn auf eines der letzten Vorjahresblätter, die bei leichtem Wind wie Schmirgelpapier über den Gehsteig schrappen. Er begrub es mit den Vorderpfoten und zerfledderte es vorbildlich. Der Vorstehhund steckt und lauert in seinem Blut, wie ein Angsthase im hohen Kraut des Möhrenbeetes verharrt. - Mein Hund eben!
„Ach, sieh an, Familie Eichseidel ist ja auch….und so früh schon…”, dachte ich gerade und wurde direkt an der Straßenecke stehend aufgehalten. Hier mein Drang nach vorn, dort Golfo an der voll ausgerollten Leine. Sie kamen auf uns zu, aber sie sahen nur mich. Golfo wuselte noch hinter den von Büschen abgeschirmten Mülltonnen eines offenen Vorgartens herum und dachte gar nicht daran….! - „Ach, was soll es”, dachte ich kurzerhand und bekam den entschlossenen Blick für allzu peinliche Momente, „wo er pinkelt, da könnte nach Lage der Dinge auch schon mal ein Adliger stehen und sich genüsslich ent….., weil gut Ding eben auch Eile hat!”
Als die Familie wortlos vorüberging, schaute ich natürlich zur nächsten Dachrinne hoch. Hinter den Büschen tat sich wenig. Golfo hat, das weiß er ganz genau, unter meiner Führung immer genug Zeit zum Nachdenken. Diesmal begrüßte ich sein langatmiges Ausharren und malte mir aus, wie er sich in Wort- und Gedankenspiele verstrickt haben könnte. Da er beim Schnüffeln mitunter auch zu „grunzen” beginnt, wurden diese Augenblicke etwas erträglicher. Ich empfinde so etwas ohnehin als extrem harmonisierend.
Die Bänker-Familie zog langsam, für mich natürlich viel zu trödelig, an uns vorbei. Er vorneweg, die lautlosen Töchter im Windschatten der Mutter hinterher. Alle mit gebührendem Abstand zum Ernährer. Immer wenn ich Familien artig um das Eck schlendern sehe, schaue ich kurz in die Augen der Ehefrauen und weiß eigentlich immer, was die Stunde geschlagen hat. Es ist, als wenn ich in Ausweisen blättere, die mit einem Gefühlsbarometer gekoppelt sind. Zugegeben: Natürlich lasse ich mich auch schon mal irritieren und finde mich auf einer Scheinfährte wieder!
Hier, so verklickerte ich Golfo anschließend ganz ausführlich, waren wir einem Herrn begegnet, der bald in der richtigen Partei, Position (mit Profilneurose) auf kommunaler Ebene, sozusagen als Bewährungsprobe, auch schon mal Eier in Nester anderer Leute legen wird. Dreimal das „P” am Morgen - dazu das Pinkeln von Golfo. Dann wurde ich abgelenkt, denn Paul kam Schwanz wedelnd näher.
Ja, und dann war auch noch Pause angesagt.
© Mondreiter
Geschrieben am 5. Januar 2008 von Mondreiter
Kategorie: traumfabrik

Hallo Mondreiter,
interressant deine diffus verwobene Geschichte vom verirrten Blitzen und einem Profilneurotiker.
Ein paar Jahre hatte ich einen Profilneurotiker als Chef, konnte so ein Verhalten aus nächster Nähe betrachten. Besonders gern lies er in seinen Erzählungen - von längst vergangenen Zeiten - hohe Führungskräfte kleinmäusig und bettelnd um seine Beine schleichen.
Profilneurose - das ist wirkliche eine starke Mortivationsschiene für den Einstieg in die Politik und irgendwie paßt ein veriirter Blitz in dieses Bild.
Ich wünsche dir noch ein schönes neues Jahr
Gruß Nordstrahl
hallo,
du kennst ja meine vorliebe für derartige “geschichten”. ich wünsche dir für 2008 ebenfalls alles alles gute.
lg mondreiter