„Ach, sieh an, der Herr Nachbar - wie geht`s denn so?” - Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass “Nachbarschaft” ein schwammiger Begriff ist. Manchmal ist man baff, was da auf einen zukommt. - “Na, Kumpel, nu ist aber genug angeschnuppert - mach` mal besser schnell `nen Abflug!”
Bevor ich ans Fenster trat und auf die Straße hinausblickte fiel mir das erste Mal auf, wie ich tatsächlich meine Kaffeetasse halte. „Das ist doch piepegal”, wird jemand einwerfen, für den eine Tasse oder ein Glas nur ein vermeintlich toter Gegenstand ist. - Nicht für mich. Ich mache mir schon Gedanken darüber, wie ich eine ständige Begleiterin im Arm halte oder umarmend halte - und wie ich gehalten werde. Womit wir von einem Behältnis zum Verhältnis kommen. Zum anderen bin ich sicher, dass es keine toten Gegenstände gibt. Das aber nur mal am Rande.
Nun kann ich das Geheimnis lüften. Mein Zeigefinger hakt sich geschmeidig im Henkel ein (nein, nein….unterhaken ist etwas anderes!), der Mittelfinger sieht es dem Nachbarn ab und legt sich mit dem gebeugten Rücken gegen die Wandung und der Daumen ist dabei auch nicht zur Untätigkeit verdammt. Dieser drückt unmerklich (also zart) gegen den oberen Rand meiner gut behüteten Begleiterin und hat dabei eigentlich gar keine richtige Aufgabe. Aber der Dickfinger ist nun mal da - und muss dann auch eben “da” hin!
So führe ich also Tassen und Gläser mit Henkel ständig zum Mund und wieder zurück. Ekelhaft designte und gestylte Behälter ausgenommen. Da bricht man sich entweder einen ab oder bricht schleunigst das Hochheben ab.
Da ich diese ständig so halte und - obwohl ich es gar nicht mehr wahrnehme - damit auch zufrieden bin, könnte ich auch getrost von einer (sich total unbewusst vollzogenen) Bewährung dieser Fingerhaltung sprechen. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob das Ganze nicht schon Handgriffe sind. Eigentlich ist es auch unwichtig. Obwohl…..! Na, lassen wir das.
Dabei gingen mir ganz andere Dinge durch den Kopf, als ich mich dem Fenster näherte. Ich sah nämlich einen meiner Nachbarn aus dem Haus kommen. Ist er auch diesem Sammelbegriff zuzurechnen, obwohl er in dem Haus wohnt, das von dem, in dem ich Mitbewohner bin, durch eine Straße, zwei Fußwege und ebenso viele Vorgärten getrennt ist?
Oder entscheide ich frei darüber, wer wirklich einer ist und wer sich gefälligst vom Acker…..? - Wie viele Nachbarn habe ich eigentlich? Also, wer gehört dazu? Wer ist Beinahe-Nachbar und wer der unmittelbare - wer der Muß-Nachbar? - N a c h b a r n ! - In den meisten Fällen geht es dann um Straßen-Grabenkämpfe oder schwelende Unsympathie - um unartige, unpässliche, unheimlich neugierige Unmenschen oder ungezogene Erwachsene. Aufschlussreich sind lediglich Schwärmereien junger Dinger („Ach, mein Nachbar sagt immer…!”). Nachbarn sind eben auch Voyeure und Grabbel-Heinis.
Da bei uns alles ganz sorgfältig genormt wird, könnte es sicher auch Distanzen geben, die Nachbarn von anderen Anwohnern unserer Straße trennen!? Für wen bin ich selbst also Nachbar? Der Rücken des gekrümmten Henkel-Halters (das ist auch irgendwie falsch ausgedrückt) signalisierte mir dann, dass der Kaffee „temperaturmäßig” schon leicht erschlafft war. - So konnte ich mich von diesen keineswegs unwichtigen Gedanken losreißen und die Tasse leeren. Dabei übernimmt der Daumen plötzlich eine Abstützfunktion. Aber das sei nur nebenbei erwähnt.
Was führen wir im Alltag eigentlich wohlüberlegt aus? Ich wusste jedenfalls immer genau, wie und weshalb der Wasserhahn in der Küche tropft und wann der Schließmechanismus der Toilettenspülung nicht „suschte-piano” abdichtet. Die Schreie meiner inzwischen zu Überlebenskünstlern “gewachsenen” Topfpflanzen höre ich aber seltener. Dazu kommt noch, was ich wissentlich immer - oder liebend gern überhöre. Da kommt ganz schön was zusammen.
Man sollte tatsächlich einmal gezielt über Behältnisse und Verhältnisse nachdenken. Dazu fiele mir ganz spontan ein, dass……!
© Mondreiter
Geschrieben am 1. Oktober 2007 von Mondreiter
Kategorie: gedankenblitze


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