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Unerklärliches hat viele Namen - Phänomene haben noch mehr….Umschreibungen

Es gibt so viele “Gemeinsame Wege”…..aber hier und da natürlich auch immer wieder “GemEinsame Jahre”

Baumliebe 

Jetzt bin ich mir absolut sicher, dass Ferdi, also der Göttergatte meiner damaligen resolut-rabiaten Concierge, gar nicht schwerhörig ist. Er verblüffte mich damals sehr, als ich ihn vor dem Garagentrakt sah. Er radelte direkt auf mich zu, war sichtlich guter Dinge und kam schwungvoll und sicher aus dem Sattel.

„Donnerlittchen”, dachte ich da, „dass er das in seinem Alter noch bringt!” Ich grüßte ihn keineswegs laut. Obwohl er noch gar nicht so nah herangekommen war, erwiderte er aber prompt und sehr kernig: „Moin!” - Für mich war das ein klarer Beweis dafür, dass es nicht nur wortkarge Ehen gibt. In seiner häuslichen GemEinsamschaft scheint man sich nämlich auch fortwährend zu tarnen und abzuschirmen. Dann haben diese „GemEinsamen Jahre” in der Regel aber sicherlich schon etliche Lenze auf dem Buckel.

Als ich mich dann der Strasse näherte, gab ich meine Wortspielchen auf. Jenseits des gepflasterten Fahrbereichs beginnt die Siedlung mit den vielen Häuschen für kleine Familien. Durch ausgetüftelte Anbauten bieten einige von ihnen inzwischen auch zwei Generationen einer Familie ein Dach über dem Kopf. Das muss nicht immer gut gehen, wird aber immer wieder gewagt.   

Es ist ein Siedler-Paradies, das in den Fünfziger Jahren entstand und wo das Wort „Miteinander” in der Folge nicht selten bieder und konservativ-familiär - „wie auch immer” - durchgeknetet wurde, wo häufig kritisch beäugt und zurückhaltend quittiert wird, was mit Begegnung und Aufeinander-Zugehen zu tun hat. Briefträger, Uniformierte und Versorgungspersonal mal ausgeklammert.

Einige Senioren wurden schon in jungen Jahren alt, diverse Kleingrund-Besitzer mutierten zu Einsiedlern und nicht wenige davon schlagen sich wortkarg oder leidlich zurückhaltend mit der Nachbarschaft herum. Ein Fleckchen, wo zwar nach einsilbigem Muster munter geklönt und geschnackt wird, wo aber ganz selten etwas vom „Eingeweckten” mit dem Plausch und deutschem Musikschlager-Gut über die Zäune und Hecken schwappt. Es gibt Ausnahmen, die sich natürlich gern ausklammern lassen.  

Abends kehrt in diesem Ortsteil mit vielen Kleinst- und Kurzstraßen recht zackig die Ruhe ein. Diese ruht bis zur frühen Morgenstund` in einem Halbdunkel, das durch Straßenlaternen und Mondeslicht ihre Aufheller bekommt. Gelegentlich aber auch dadurch, dass eine Zimmerbeleuchtung auch Vorgärten erhellt. Dann wird irgendwo zünftig gefeiert oder die Kinder statten einen Besuch ab. Alkohol schwächt bekanntermaßen Abschirm-Tendenzen.   

Ansonsten sieht man in der Siedlung sehr schnell , wo denn die vielen Baumarkt-Angebote von Rollläden, Rauhspund-Brettern, Klinker-Riemchen, Beton-Gehwegplatten und Garten-Nippes hingekommen sind. Die vielen Bewegungsmelder nicht zu vergessen. Sie legen Nacht für Nacht offen, welche Igel oder Erdlinge als Einzeltiere oder mit der halben Sippschaft unterwegs sind und wessen Katze oder Hund über welche offenen Einfahrten huscht - und wo deren „Geschäfte” abgesetzt werden.

Zu meinem Leidwesen gibt es immer noch keine Erhebungen darüber, ob und wie sich Abend- und Nachtluft eines „Bunkers” ohne Vermischung mit Frischluft ertragen lässt. Hieb- und stichfest ist ja bis zum heutigen Tage nur, dass Berufstätige von Rückenleiden und Depressionen gebeutelt werden. Eine bloße Vermutung ist nur, dass jemand, der sich selbst „wegschließt”, zunehmend mit Orientierungseinbußen auf heimischer Scholle zu rechnen hat oder sogar im eigenen Domizil irgendwann der Hilflosigkeit begegnet.           

Es versteht sich, dass diese Abend- und Nachtereignisse aber lediglich denen auffallen, die außer Haus sind. Rollläden als Gardinen-Nachbildung sind noch nicht in den Regalen. Wer also im Haus nicht erblickt werden kann, ist auch von Sichtkontakten weit entfernt - wie eine U-Boot-Besatzung beispielsweise vom nächsten Nachschub-Fassen. Ich war mir schon einmal ziemlich sicher, dass die Zeit kommen wird, wo „Spione” auch das Mauerwerk zur Strasse hin erobern werden.

Bei der Siedlungs-Begehung will ich mich immer konzentrieren, denn sie gleicht schließlich einem randvollen Pool, gefüllt mit bunter Abwechslung - und ist doch so voll gestopft mit Nebeneinander-Herleben und Einsamkeit, dass ich immer wieder hoffe, auch wirklich alles deuten zu können, was mir in die Blicke springt.

Das Oberstübchen wirft mir auch sofort einzelne, reizende Worte in den Arbeitsspeicher den ich seit Jahr und Tag „Gugelei” nenne - und während ich dahinschlendere, wollen Worte wie Einsiedel(ei), einsieden, einwecken oder Seifensieder ja auch noch bearbeitet werden. Das ist schon ein schönes Stück Arbeit. „Google” hat meinen Arbeitsspeicher also abgeguckt. Das muss ja auch mal erwähnt und angeprangert werden. - Nun gut. Zurück zur Siedlung, wo sich niemand verstecken will.     

Oh nein, sie sind alle präsent, aber jeder muckelt allein und scheinbar gedankenverloren vor sich hin. In jeder Garage wird umgeräumt und gekehrt - es „klödert” hier und klimpert dort. Else hat ihre Pforte, an der sie sich festhält. Ihr Männe duckt sich ständig und scheint drauf und dran, mit dem Hund einen Gedankenaustausch anzustreben.

Herbert wiederum hat sich dem Wienern und Polieren verschrieben und geht tagsüber, also zwischen den Mahlzeiten, nur selten ins Haus. Überall sieht es aus wie geleckt, ein Igelschnitt für den Rasen ist Ehrensache und Rindenmulch-Torf-Schredder-Dünge-Mineral-Tüten pflastern Anlaufwege. Außerdem sind sie auf das Ausmessen versessen, stehen zeitigst auf und essen überpünktlich. „Von nichts” kommt eben wenig.

Alle können sich aber auch - und zwar beinahe wie auf Kommando - über den Zaun lehnen und Anteilnahme bekunden. Überwiegend dann, wenn irgendwo an irgendetwas Anstoß genommen und gemeckert werden muss - wenn ihnen etwas schwer gegen den Strich geht oder sich aus ihrem Selbstverständnis ausklinkt, also am „Auspendeln” ist. Das hat für sie immer den Anstrich, als sei jemand im Anmarsch, der ihnen eine Art Selbstverstümmelung aufschwatzen will. Dann scheint es kurzzeitig und mit dem ersten Zuschauen so, als könnten urplötzlich aus wortkargen Hampelmännern entschlossen auftretende Altgardisten werden.   

Dennoch steuert immer die Intensität von Gegenwehr ihr pfeilschnelles Vorpreschen und wenn die „Besseren Hälften” schließlich nach diesen Happen zu schnappen beginnen - etwa dann, wenn sie eine starre Frontenbildung ausmachen, wobei einige, wesentliche Geschütze noch nicht besetzt sind - verkrümelt und verdünnisiert sich diese Vorhut. Wie auch immer: Derlei Redeschlachten sind selten, dann aber zünftig.

In den meisten Fällen dreht es sich dann um die spielenden Jüngsten aus dem Viel-Kinder-Haus. Da lässt es sich wunderbar „aufdrehen”, weil schockierte Kinder eben nur sprachlos anstarren oder früh weglaufen. Ich fragte mich schon so oft, was in dieser Siedlung noch richtig lebt, wenn die Kinder in diesem biederen, seniorierten Areal nicht mehr da sein sollten. - Die wenigen Gartenteiche. Noch etwas? Eine Vorab-Pauschalierung - so weiß ich für mich mittlerweile - beflügelt die Sinne und ist manchmal sehr nützlich, bevor man ein Terrain endgültig und gründlich erkunden kann.  

Es sollte wohl so sein, dass direkt neben dem Kinderhaus eine alleinstehende Frau wohnt. Dagmar ist für mich der zweite wohltuende Farbklecks in dieser genormten Einöde. Sie werkelt allein am und im Haus herum, klettert aufs Dach und, wenn es sein muss, steigt sie auch anderen Leuten ruckzuck und vehement eben auf dieses.

Beide Farbkleckse harmonieren gut miteinander und das beruhigt mich ungeheuer. - Dagmars kurzer, pfiffiger Haarschnitt gefällt mir, sie weiß ihren Sprinter sehr gekonnt zu fahren und bewegt sich, das muss einfach gesagt werden, auch beim Klettern („und überhaupt”) so angenehm unnachahmlich. Kurz: Auch in Malerklamotten nett anzusehen und obendrein die Natürlichkeit selbst.

Auf viele „gemeinsame Jahre” blickt allerdings ein Ehepaar zurück, das viele gemeinsame Wege und Jahre gehen musste, um sich ihren Traum erfüllen zu können. Kurz hinter der Siedlung, dort wo der Wirtschaftsweg anfängt, umgeben von Acker- und Weideflächen also, liegt ihr Tier-Gnadenhof. Vom alten, zauseligen Esel bis hin zur genüsslich widerkäuenden, ausgemusterten Kuh gibt es hier alles, was den Tierfreund begeistern kann.

Sie kümmern sich liebevoll um all ihre Schützlinge, dürften das 70. Lebensjahr schon weit überschritten haben und karren ständig mit einem kleinen Geländewagen das Futter und die Gemüse-Restbestände aus Supermärkten heran. Golfo hat zwar ständig ihre Katzen im Auge und hängt beim Ziehen in seinem Brustgeschirr wie damals die Bikerin unseres Hauses im Sattel, er wird von ihnen aber immer freundlich begrüßt und getätschelt.

Sie sind so erfrischend warmherzig, so ungezwungen und freundlich, dass man sich gern in ihrer Nähe aufhält. Wenn sie sich ansehen, dann ist jedes Wort überflüssig und einige Gesten, die für den Anderen bestimmt sind, kommen immer einer gestammelten Liebeserklärung gleich. So viel Leben genießen Betrachter eben immer gern mit.

Als wir an diesem Nachmittag wieder nach Hause trotteten, bekamen wir abermals - wie hätte es auch anders sein können - einen kleinen Leckerbissen serviert. Die Concierge stand an der Haustür und drückte ihren eigenen Klingelknopf immer und immer wieder, was durch das geöffnete Fenster gut zu hören war. Bei ihr im Flur ringt oder rasselt es dann nämlich nicht - nein, da gibt es auf Knopfdruck eine ekelhafte, da überlaute Melodie zu hören.

Ferdi blieb aber wieder einmal auf seinen Ohren sitzen. Also schloss ich ihr die Tür auf und meinte beim Eintreten beiläufig: „Vorhin stand wieder die Tür offen. Ich sah, wie eine Maus, von der Konifere kommend, an der Hauswand entlanglief und im Flur verschwand. Ich weiß natürlich nicht, wo sie dann hin ist.” -  „Eine Maus”, meinte sie, die Worte ziemlich in die Länge ziehend - und ihre weit aufgerissenen Augen sprachen kurz darauf Bände.

„Ja, ja”, meinte ich und gab mit Daumen und Mittelfinger eine Größe vor. „Es war schon ein ganz schönes Kaliber!” - Wir gingen schnell ins Haus und sie lief, laut rufend, die Treppe hoch: „Ferdi, Ferdi - komm` mal schnell - Ferdiiiiii - ja hörst du jetzt gar nichts mehr?”

Es versprach ein abgerundeter Tag zu werden.

© Mondreiter

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