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Unerklärliches hat viele Namen - Phänomene haben noch mehr….Umschreibungen

Der Aufschrei der Tränenlosen

Perreras 

Man soll sich nicht ablenken lassen, sondern der Wahrheit und dem Elend begegnen wollen. - Wir sollen uns nicht abwenden, wenn wir dem Elend gegenüberstehen sollen. - Wie können wir immer nur die scheinbar großen Probleme betrachten und unseren Blick daran festmachen - bei diesem Elend vor Augen?

Elend, Elend und nochmals Elend. Verknüpft mit viel Schmerz, ohnmächtiger Wut, Hilflosigkeit, Höllenqual und Seelenleid. Eine grausame, höchst fatale Mischung von der man förmlich angesprungen wird, wenn das Wort „Tierschutz” fällt. Bei uns hat es mit der Distanz zur Grausamkeit einen erträglichen Klang. In einigen Ländern wird man aber mit einer Lebensverachtung für Tiere konfrontiert, die ihresgleichen sucht. Auch, oder gerade (vor allem) in Spanien.

Eigene Aussagen und Fragen formulieren sich erst dann beinahe wie von selbst, wenn man wieder einen klaren Gedanken fassen kann. Wenn sich das Gesehene gesetzt hat, die Bilder sich nicht mehr überschlagen - und man wirklich begriffen hat, dass sich diese Barbarei Tag für Tag wiederholt. Wenn die Touristen in Spanien einfallen, sind die Strassen längst von Schmutz und Unrat befreit. Hunde gehören zu diesem Dreck. Wenn sie großes Glück haben, landen sie in einem der wenigen Tierheime.

Wenn sich ihr Leidensweg verkürzt, aber um das Vielfache verschlimmern soll, dann werden sie auf den Straßen gequält und gefoltert oder in eine der unzähligen Tötungsstationen (Perreras) gebracht. Verladen und zusammengepfercht, in brechend volle Zwinger verbracht. Drei Wochen haben sie Ruhe, werden nicht selten traktiert, liegen oft mit gebrochenen Gliedmaßen oder frischen Folterwunden auf nacktem, mit Kot und Urin gesättigtem Betonboden. Gereinigt wird ab und an mit dem Wasserschlauch und um das wenige Futter wird manchmal hart gekämpft - verbissen und totgebissen.

In diesem Todes-Areal schreit jedes Augenpaar - versucht wachzurütteln, fleht und hofft. So erschütternd intensiv wie es ohnehin nur da geschieht, wo zu Kreuze gekrochen wird. Wie unauslöschlich und herzerdrückend Angstblicke doch sein können. Es knabbert an jedem Nervenkostüm und schlägt auf das innere Gleichgewicht wie eine Peitsche ein. Je weiter man vorankommt, umso länger wird die Geräuschkette und die Tränen müssen einfach fließen . Dieses Bellen, Winseln, Fiepen - und wildes, sich unbändig überschlagendes Kläffen, das sich an den Schläfen festsetzt.

Es ist eine ohrenbetäubende, Furcht einflößende Mischung, die durch das Knallen und Vibrieren, das Klackern der Schlösser und Scheppern von Trenngittern und Zwingertüren erst richtig einschlägt. Stärker als es jeder noch so beinharte, knisternd berstende Donnerschlag je könnte.

Es will hier gar nicht mehr ganz ruhig werden. Ruhe ist schließlich trügerisch und könnte Tod bedeuten. Die Tiere spüren es von Anfang an - schon die bedächtigen Bewegungen zeigen es und das Zurückweichen vor jeder unbedachten Bewegung und das Zusammenzucken vor jedem scheppernden Geräusch.

Gibt er sich nicht gönnerhaft, dieser Staat - der das Töten in Arenen zum Sport erhebt und sich im Verborgenen aller Problemkinder ekelhaft entledigt? Hier kennt man keine gezielten Kastrationsprogramme sondern nur grausames Töten. - „Tötungsspiele”. Alles was Geld kostet, findet man ja in den Tourismus-Zentren.

Drei Wochen dauert diese „Schonzeit”, denn ein Besitzer könnte sich ja noch melden. Viele Tiere überleben sie nicht. Sind sie besser dran, weil sie die Todesspritze nicht mehr bekommen? Gespritzt wird nur einmal - ins Herz. Ein schmerzvolles, grausames Sterben. - Perreras liegen weit draußen, überwiegend in der Einöde - sind von Touristen nicht auszumachen. Da, wo die Müllkippen angesiedelt sind - wo der Dreck verrotten kann. Diesen Stellenwert haben Tiere dort - sind eben „Dreck”.

Die Tierheime sind überwiegend in privater Hand. Vom Staat gibt es jährlich einen Zuschuss, der etwa die Futterkosten eines Monats abdeckt. In der Hochsaison total überbelegt, hoffen die Betreiber Jahr für Jahr wieder darauf, dass viele Tiere (auch) nach Deutschland vermittelt werden können. Kastrationsprogramme wären vonnöten (wie auf Teneriffa), aber die Regierung bleibt unbeweglich.

Der Aufschrei der Tränenlosen garantiert und verlängert die Momente der Hilflosigkeit, der Ohnmacht - die Situation, in der wir „nur mit uns sind”. Die Furcht schüttelt uns durch und keiner weiß wirklich, wie er damit umgehen und zurechtkommen kann. Die Gespräche danach zeigen immer wieder, dass das Erlebte, das nicht für möglich Gehaltene - diese neue Dimension des Elends, der Not und Barbarei eine ganz neue Sichtweise aufleben lässt.

Mein Hund (Golfo) hatte in der Tötungsstation Caceres (Spanien) drei lange Jahre auszuharren. Hätte er keine Tierschützerin zur Seite gehabt, die ihn mehrmals auf der Tötungsliste stehen sah und ihn immer wieder im letzten Moment retten konnte, wäre er auch über die große Regenbogen-Brücke gegangen.

Jetzt ist er zwei Jahre bei mir, jetzt lebt er - endlich - und blüht auf, genießt die langen Blicke übers Land und ich freue mich, dass er mir förmlich „an der Backe klebt”. Er kannte sehr wenig - weder Gras, Wald……! Es gab viel für ihn zu entdecken. Aber er hat erfahren, dass es die offene, ausgestreckte Hand tatsächlich gibt.

So lernt er fleißig - ins Vertrauen zu gehen…und natürlich auch das Spielen. Die Ängste holen ihn jeden Tag wieder ein. Vergessen wird er nie - und er baut auf mich.

© Mondreiter

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