Die Blauen Berge am Horizont übten auf ihn schon als Kind eine große Faszination aus. Im Dorf war die Rede davon, dass man wohl jahrelang unterwegs sein muss, um erst einmal zum Fuße dieser Riesen zu gelangen. Sie hatten ihn immer auch irgendwie magisch angezogen. Irgendwann, so sagte er sich, würde er sie bewundern können und er träumte unzählige Male davon, dass er nach seiner Rückkehr in seinem Dorf gefeiert und bejubelt wird. Sein langer Marsch auf den Horizont zu, würde, so sagte er sich immer und immer wieder, eigentlich eine Reise sein, die er nur für sich selbst unternehmen möchte.
Dieses Ziel ließ ihn nicht mehr los und er gab nicht viel auf das Gerede im Dorf, in diesen Bergen würden viele Gefahren lauern. Er wollte es einfach irgendwann selbst herausfinden, was die Blauen Berge für ihn bedeuten, sagte er sich dann. - Einmal war es die Farbe, die ihn begeisterte und von einem Zauberberg träumen ließ. Dann war es wieder das Monumentale und Urwüchsiges, das von den Bergen auszugehen schien und ihn so sehr beeindruckte und angenehm begleitete.
Jahre später war er immer noch unentschlossen, weil er noch nicht erwachsen war und der Vater seinem Reisewunsch noch nicht nachgab. Er hing sehr an seinem Elternhaus. - Aber das Fernweh war allgegenwärtig. Diese magische Anziehung begleitete ihn jeden Tag, wenn auch immer etwas anders geartet. „Das haben Träume so an sich”, machte er sich immer wieder Mut. - Dann kam der Tag, wo sein Entschluss feststand. Es musste losgehen, er musste gehen - er fühlte es einfach sehr stark.
Der Abschied von der Familie rückte näher, aber bei ihm kam keine tiefe Traurigkeit auf. Etwas zog ihn in diese Ferne und er sagte sich, dass er den Lieben ja alles würde berichten können. - Am Tag des Abmarsches lag der Blaue Berg in klarem Licht vor ihm und er wertete es als gutes Zeichen. Das Abenteuer begann.
Nach einem Monat war er dem Blauen Riesen nur unmerklich näher gekommen. Es machte ihn schließlich müde und in einer kleinen Stadt nahm er eine Arbeit an. Ein weiteres Jahr ging ins Land und es kam ihm so vor, als hätte er sich in seinem neuen Umfeld gerade einmal umsehen können. So frisch war für ihn alles geblieben. Eine wohltuende Pause ging dem Ende entgegen.
Viele Geschichten rankten sich hier um die Blauen Berge und er hörte selbst dann gespannt zu, als man von einem unnahbaren Riesen sprach - von einem Massiv, das die Neugierigen nicht wieder hergibt und für immer in den Schluchten begräbt. Am meisten faszinierten ihn die Aussagen, die allesamt von einem großen Zauber sprachen, der diesen Koloss umgibt. Wenn die Berge tatsächlich eine Zauberkraft besitzen, dann würde ihm, so redete er sich ein, sicherlich noch eine mystische Begegnung bevorstehen. Davor konnte er einfach keine Angst haben.
So hatte das Wort „Teufelsberge”, das man auch für sein Sehnsuchtsziel erfand, einfach keinen guten Klang. Er konnte es nicht erklären, aber mit seinen vielen Blicken auf die Blauen Berge kam für ihn immer eher so etwas wie Respekt und Hochachtung auf, ja sogar Ehrfurcht - und ein ebenso erfüllendes Staunen und Bewundern.
Nach zwei weiteren Monaten machte er erneut Rast und lernte eine Frau kennen, die ihn vollends faszinierte, die er buchstäblich mit einem Blick lieben lernte. Die Blauen Berge, denen er schon sehr nahe gekommen war, wurden zu seiner zweiten Leidenschaft, aber irgendwann, so schwor er sich, musste er einfach seinen Jugendtraum erfahren. Er war glücklich, als sie ihm sagte, wie sehr sie dieses Verlangen verstünde und dass man seine Träume nicht verlieren darf.
Einige Jahre später, als ihr zweites Kind im schulfähigen Alter war, ging er wieder los. Er war nicht mehr allein, obwohl er die Familie für kurze Zeit zurücklassen musste. Nachdem er einige Wochen marschiert war, nahm ihn die hügelige Landschaft auf, die zu den Ausläufern des Bergmassivs gehörte. Er genoss die üppige Vegetation und das satte Grün, das beruhigend und ermunternd zugleich auf ihn wirkte.
Das Blau, das die Berge aus der Ferne umgeben hatte, war klarer Luft gewichen, wie er befand. Wahrscheinlich, so meinte er, musste er hoch hinaufsteigen, um es wieder zu sehen - und mit ihm die Gipfelkette. So begann für ihn der Anstieg, der schließlich sehr beschwerlich wurde.
An einem der nächsten Tage, als er sich gerade Sorgen darüber machte, ob sein Schuhwerk weiteren langen Strapazen widerstehen würde, kam er, noch reichlich unterhalb der Gipfel, auf ein Plateau. Allerdings war es spät geworden und die Dämmerung fiel in die Berge wie dichtes Schneetreiben, das in Windeseile jegliche Sicht nimmt. Er legte sich inmitten einer niedrigen Buschgruppe zur Ruhe.
Er kam lange nicht in den Schlaf, obwohl es stockfinster war. Er freute sich über die gute Witterung, die ihn bis dahin begleitet hatte und schlief mit den Gedanken ein, vielleicht schon am nächsten Tag das strahlend blaue Bergmassiv endlich zu Gesicht zu bekommen. Wenn es einen Zauber um die Berge gibt, so dachte er noch, wird er damit zusammenhängen können, dass man seine Berge ehren und respektieren - sie aber auch nicht unterschätzen soll. Das wollte er auf keinen Fall.
Der Morgen kam und die Sonne blendete ihn gerade von der Seite her, wo das Ende des Plateaus lag. Von dort aus erhoffte er sich den Blick auf das Blau seiner Berge. Als er endlich am Rande der Freifläche angekommen war, empfing ihn ein frischer und gleichmäßig wehender, aber nicht sehr kalter Wind. Er fühlte sich ausgeruht und “durstig” wie selten zuvor.
Was er dann sah, verschlug ihm den Atem und ließ ihn abrupt stehen bleiben. Die Gipfel seiner Blauen Berge zeigten sich bizarr und grantig, weil ihn ein Meer von graubraunem Fels empfing. Nur hier und dort, wo das Sonnenlicht frontal auf blankes Gestein traf, kam ein leichtes Glitzern in wärmeren Brauntönen auf ihn zu. - Es gab sie nicht, die Blauen Berge. Er wusste nun, dass die Entfernung ihm dieses Blau immer vorgegeben und scheinbar vorgezeichnet hatte.
Aber er war seltsamer Weise überhaupt nicht enttäuscht. Er genoss den Rundblick, warf viele Blicke über den unter ihm liegenden, vielgrünen und gewellten Landschaftsteppich und dachte daran, dass dort, ganz weit entfernt, seine Liebe auf ihn wartet - und da, noch viel weiter weg, vielleicht gerade in diesem Augenblick seine Eltern oder seine Geschwister einen Blick auf seine Berge werfen könnten.
Wenig später ging er noch etwas weiter. Hier erhoffte er sich einen klaren, weiten Blick auf die folgenden Täler hinter den Blauen Bergen. Und er wurde tatsächlich noch reich belohnt. Hinter seinen Bergen, in weiter weiter Ferne, erhoben sich, wie er ganz deutlich ausmachen konnte, weitere Blaue Berge. Das Naturschauspiel, das seine Träume geprägt und warm gehalten hatte, war ergreifend. Plötzlich erfüllte ihn eine starke Beschwingtheit und Dankbarkeit.
„Es lohnt sich”, dachte er, „ja, es lohnt sich, seine Träume zu leben!” - Nichts hielt ihn mehr dort - auch nicht das einzigartige Panorama. Er wollte zurück, schnell heimkehren. Er freute sich plötzlich unbändig darauf, seine Frau küssen zu können, seine Kinder zu umarmen und seiner Familie irgendwann über alle Geschehnisse zu berichten. Der Zauber der Blauen Berge begleitete ihn und stimmte ihn froh.
© Mondreiter
Geschrieben am 11. September 2007 von Mondreiter
Kategorie: märchen

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