An einem warmen Frühlingsabend saß Jana, die Ziegenhirtin, unter einem Baum, von dem die Dorfältesten ganz beharrlich berichteten, dass es ein Feen-Baum sei. Als sie noch klein war, hatte ihr die Mutter viel über diesen uralten Riesen mit dem urigen, starken Stamm berichtet. „Wenn der Wind durch die Äste fährt, flüstern die Blätter vielstimmig”, meinte sie und Jana wagte dann immer nur staunend zu nicken. Als Mutter gar darauf zu sprechen kam, dass derjenige, der in diesem Moment unter dem Baum sitzt von der Fee in einige Geheimnisse des Mystischen eingeweiht wird, mied Jana diesen Platz jahrelang. Der Baum machte ihr Angst - damals.
Das änderte sich schnell, denn Jana wurde Hirtin und war sich wohl bewusst, dass sie von nun an eine ganz besondere Rolle innehatte, die viel Mut und Verantwortung beinhaltete. Trotz allem mied sie diesen Ort beharrlich. Sie war sich gerade sicher geworden, dass sie sich heute nur hierher gewagt hatte, weil die Sonne das Land ganz und gar in flüssiges Gold getaucht hatte und die leichte Anhöhe einen phantastischen Ausblick garantierte, als sie mit offenen Augen zu träumen begann. Sie holte den hölzernen Kamm aus ihrer Tasche und kämmte bedächtig ihre langen Haare. Anschließend griff sie zur Flöte und spielte zum Springen der Lämmer eine lustige Melodie. Sie dachte an den nahenden Sommer, verlor sich bei den Gedanken an barfüssiges Tanzen und erinnerte sich an kunterbunte Träume, die oft mit dem Licht des Mondes zu tun hatten.
Der plötzlich aufkommende Wind trug ihr Flötenspiel zu allen Ziegen und raunte es den Weiden am Bach zu. Sie ließen ihre Äste ausgiebig im Wind tanzen und plötzlich zog es alle Tiere zu dem Feenbaum. Sie umringten Jana und waren plötzlich still. Die Dunkelheit hatte die letzten Sonnenstrahlen gefressen. Schatten schlichen über die Wiese. Die Tiere drängten sich enger aneinander - ihr schnatterndes Meckern verstummte. Jana legte die Flöte beiseite und kuschelte sich in ihren wollenen Umhang.
Sie verfolgte kurz das Geplapper der Nachtvögel, als urplötzlich der Gesang und das Flüstern der Blätter einstimmig zu werden schien. Gleichzeitig kroch Wärme ihren Kopf hoch. Eine kristallklare, aber dennoch betörende Stimme erhob sich: „Jana, mein Kind”, hörte sie und sie drückte sich ehrfürchtig ganz fest gegen den Baumstamm. „Jana, meine Auserwählte, ich bin es - die Mutter der Natur - deine Fee, die dir etwas Grosses, etwas Magisches der Schöpfung zeigen will.” - Jana war der Ohnmacht nahe und kurz darauf sah sie nur noch kurz einen in irreschöne Farben getauchten Horizont. Und von weit her diese Stimme: „Geh hin zum Blütenzauberer!” - Janas Traum begann.
Ein bunter Korridor öffnete sich - ein Flur, scheinbar ohne Boden, weil das Gelb alles zu schlucken schien. Sattgrünes Gras, schillernde Blumen oben und unten. Roter Mohn, blaue Kornblumen - wunderbar lange Sequenzen und Flecken. Dazwischen ein Kaleidoskop von wild gemengten Zwischentönen. Jana drehte sich wie im Tanz - stürmte in das nächste Hell und Halbdunkel.
Dann stand sie plötzlich an einer Art Höhlenöffnung und blickte über ein farbgesättigtes Tal. Das Blau dort oben wurde dunkler - rote Schatten schienen sie zu streifen - das Gelb stieg auf und stob durch das Grün. Sie spürte den Wind nicht, der die grellbunte Szenerie zu durchfahren schien. - Jana war im Land des Blütenzauberers angekommen. Sie fühlte sich urplötzlich beschwingt und losgelöst, rannte los und sprang in die Weite - fiel so, wie man im Traum fällt - ganz langsam - um wenig später die Arme auszubreiten und wie ein beschwingter Drache in eine neue Dimension zu gleiten.
Und nun regnete es. Keine Tropfen berührten sie und flatterten lautlos vorbei - vor ihr, über ihr und - juhu - überall. Nein, überall Blütenblätter. Ein weiches Feuerwerk - kein Knall. Stille um sie herum. Wie sie es genoss - wie sie am liebsten gerufen hätte: „Mehr, mehr - welche Farben noch?” - Den Tunneleingang hatte sie erreicht, fühlte sich wieder sicher - war gelandet. Jana ging weiter und kam in einen grellhellen Saal.
Sie setzte sich wie in Trance in die Mitte des Raumes, öffnete ihren wollenen Umhang und ließ die abertausend weißen Blütenblätter auf sich herab gleiten. „Das ist es”, sagte Jana und stand langsam auf. Sie legte den Kopf in den Nacken und liess sich von den Blütenblättern das Gesicht kühlen und streicheln. „Woher hat er das gewusst”, wollte sie wissen und sagte es doch zu sich selbst. - Und sie war überrascht, dass ihr jemand antwortete: „Ein Blütenzauberer weiß auch bei dir ganz genau, was dich verzaubert.”
Jana erwachte und erschrak. Die Sonne hatte sich schon gewaltig erhoben, ihre Tiere waren weit verstreut. Aber an diesem Morgen war ihr alles egal. Sie war guter Dinge und wusste fortan um das Wunderbare um sie herum. „Der Blütenzauberer eben”, wiederholte sie mehrmals, lächelte dabei verschmitzt und zog wenig später weiter. Es war ihr ein wunderschöner Tag und sie fühlte erstmals, dass sich wirklich „etwas” neben ihr aufhielt und ihr scheinbar die Stirn freihalten wollte. Das spürte sie nun. „Magie eben”, meinte sie breit lächelnd, hüpfte vergnügt voran und verschwand wenig später hinter den massigen Weidenstämmen.
© Mondreiter
Geschrieben am 11. September 2007 von Mondreiter
Kategorie: märchen
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