Es war eine schlanke, sehr große Frau, die mit Heinz ging - und mit ihm ausging. Sie musste ihn an ihrer Seite haben, fühlte sich aber trotzdem, wie es schien, irgendwie hilflos und allein gelassen. Sie kam mir entgegen. Aus irgendeinem Grund musste ich einfach stehen bleiben und kam nicht umhin, sie dabei unentwegt anzusehen.
Diese Frau schaute aber durch mich hindurch. Das wäre für mich nicht wirklich erfreulich gewesen, hätte sie für andere Passanten auch nur einen scheuen Blick übrig gehabt. Es war aber nicht so. Ich blieb wohl stehen und sah sie dauernd an, weil ich diese Art, durch Leute einfach durch zu marschieren und nichts anderes als ihren Heinz zu beobachten, vorher nie erlebt hatte.
Ihre Blicke waren unnachahmlich. Ich sagte mir, dass jeder einzelne stechen muss wie eine ganze Mückenhorde - und „sitzen” wird, wie es sonst nur pinkelnde Ameisen umsetzen. Es hätte mich absolut nicht vom Hocker gebracht, wäre in ihrem Blickfeld plötzlich ein Busch abgefackelt - oder ein Huhn hätte mit starken Verbrennungen, ohne Federkleid und mit versengten Federresten gespickt, so völlig verändert, mit einem neuen Namen dagestanden. Als Brathendl eben. So verwirrt entschlossen sah sie aus.
Sie sah außer ihrem Heinz rein gar nichts. Ich hatte das Gefühl, dass sie gut zu den Personen gehören könnte, die erschrecken müssen, wenn sie sich plötzlich selbst gegenüberstehen - also vor dem Spiegel. Mich interessierte plötzlich, wie Heinz es sieht und ob ich vielleicht doch weit gefehlt hatte. Aber Heinz wäre sicher stumm geblieben - wie er auch hier beharrlich geschwiegen hatte.
Überhaupt schien Heinz ihr Ein und Alles zu sein. Nichts anderes wollte sie interessieren, obwohl ihre mahnenden Worte und Zurechtweisungen, mit denen sie ihn reich beschenkte, doch sehr stark einem gezügelten Befehlston ähnelten. Es schien Heinz nicht zu stören und für mich war es ein weiterer Grund, die Szenerie weiter unter der Lupe zu behalten.
Selbst für seine Eigenart, die eigentlich einer Marotte sehr ähnelte, nämlich hier und dort herum zu scharwenzeln und nur kurz mal wieder neben ihr zu gehen, und dann auch wieder mal zu stehen, zeigte sie irgendwie noch Verständnis. Sie beschwerte sich nicht weiter. Sie sagte nur „Komm doch, Heinz” oder „Kommst du, Heinz”. Mich hätte es sicher kirre gemacht, aber Heinz nicht. Heinz hatte entweder ein dickes Fell wie ein störrischer Hund - oder er gab sich schwerhörig. Das gibt es ja oft.
Hinzu kam, dass Heinz auch Berührungen vermied - wie die schlanke Frau übrigens auch. Gingen hier zwei Platoniker, zwei Unsinnliche, spazieren, die sich nur der Distanz hingeben können? Er war immer wieder einige Schritte voraus, ließ sich dann kurz zurückfallen, schloss wieder auf und zeigte für alles Interesse. Nur für sie nicht.
Sie folgte ihm mehr als er hinter ihr herkommen wollte. Sie war es, die ihn ständig anredete und die nicht zu bemerken schien, dass er dafür nicht rezeptiv war. Mein Gefühl, dass sie sich dessen bewusst war, und das schon ein ganzes Weilchen, war zwar noch nicht in trockenen Tüchern, aber ich glaubte mich auf jeden Fall nah dran.
„Kommst du, Heinz”, sagte sie abermals, als er wieder stehen blieb und einer Schönen hinterher sah. Sie brachte es so über die blassen Lippen, dass es einer Bitte gleichkam und erst jetzt fiel auf, dass alles ständig ohne rechte Betonung in den Wind gesprochen wurde. Sie schien Heinz nicht nur dessen Schritte, sondern auch seine schweifenden Blicke zu verzeihen.
Heinz wusste es inzwischen sicher, denn er war nicht mehr der Jüngste und ein Hundeleben ist, was die Anzahl der Jahre angeht, ja auch nicht gerade ein Zuckerschlecken.
© Mondreiter
Geschrieben am 9. September 2007 von Mondreiter
Kategorie: traumfabrik
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